Austropop – Überlegungen eines Außenstehenden

Ein Artikel im Profil setzt sich mit der momentanen Bewegung des „neuen Austropops“ auseinander und warnt vor übertriebenem Patriotismus und anderen Klischees, welche es zu vermeiden gelte.

Ich bin Musiker, der Songs auf Deutsch schreibt, und darüber hinaus fühle ich mich auch als Österreicher – deswegen fühle ich mich hier etwas betroffen. Insbesondere von der Frage: was kann dieser „neue Austropop“ denn jetzt genau sein, und wie solle man ihn werten? Und stellvertretend für die anderen 99% der österreichischen Künstler stelle ich auch die Frage: was bedeutet dieser Hype für mich, wenn er mich nicht unmittelbar betrifft?

Die beiden bekanntesten Namen in Verbindung zu diesem Thema sind derzeit sicherlich Wanda und Bilderbuch. Oberflächliche Gemeinsamkeiten sind klassische Rock’n’Roll Elemente wie die Stammbesetzug mit Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang sowie zwei charismatische Frontmänner, welche eine Show gut tragen können. Beide singen auf Deutsch, nicht mit starken Dialekt, aber doch erkennbarem österreichischem Einschlag. Die Themen sind jedoch verschieden, bei Wanda finden sich Melancholie und Parolen (AMORE!), während Bilderbuch eher durch Sex und abstrakte Begriffe besticht.

Für den Begriff „Austropop“ ist die Sprache sicher ausschlaggebend. Was aber unterscheidet diese beiden Aufsteiger von anderen österreichischen KünstlerInnen, welche ebenfalls in ihrer Muttersprache singen?

Das kann ich natürlich nicht abschließend beantworten. Wie so oft bei solchen Phänomenen wird es eine Mischung aus Können, Glück, aber vor allem auch das Treffen des Zeitgeists sein. Ich habe in einem Kommentar gelesen, dass die beiden Bands das österreichische Lebensgefühl gut nach außen vertreten, und ich schätze da liegt ein Korn Wahrheit drinnen. Nur handelt es sich wohl um ein Lebensgefühl, das man gern hätte: man singt in lässigem Dur über den Tod, und mit pochenden Bass über Sex.

In Verbindung mit dem angesprochenen Rock’n’Roll wird österreichische Musik damit mit Begriffen assoziiert, die bisher nicht gang und gäbe waren: cool und einfach nur geil. Das heißt jetzt nicht, dass österreichische Musik diese Elemente noch nie hatte bzw. dass sich dieser Trend jetzt fortsetzen muss. Aber zum ersten Mal seit einiger Zeit scheint österreichische Musik nicht einfach nur experimentell, gedankenverloren oder anbiedernd, oberflächlich – sondern einfach nur abwechslungsreich und unterhaltsam.

Die im Artikel oben angesprochene Gefahr der Selbstidentifikation über diesen Patriotismus finde ich nicht unrelevant, vor allen wenn manche Menschen tatsächlich meinen, dass Bilderbuch und Wanda „typisch Österreich“ wären – und nicht etwa Andreas Gabalier, der rein von den Zahlen Österreich eher repräsentiert. Ich persönlich kann mit Bilderbuch noch am meisten anfangen von den drei Künstlern, aber auch nur in begrenztem Ausmaß.

Viel wichtiger als vor den Gefahren zu warnen ist es aber die Chance zu sehen. Damit kommen wir zur letzten Frage, welche auch stark mit dem Blick in die Zukunft zusammenhängt. Wird in Zukunft dreckiger Rock’n’Roll wieder am Vormarsch sein, wird sich dieser „neue Austropop“ etablieren, brechen noch dunklere Zeiten für jene KünstlerInnen an, die es bisher schon schwer hat?

Vorweg: viel dunkler kann es für die meisten nicht mehr werden. Von seinen eigenen Kreationen leben zu können schaffen nur die Wenigsten, und die auch nur, weil sie viele Kompromisse eingehen, sich den Arsch aufreißen. Meistens wird es eine andere Einnahmequelle geben, da die Musik allein nicht reicht. Wenn man nicht gerade direkt mit den beiden Bands konkurriert, dann werden einen die Entwicklungen nicht härter treffen als etwa Lady Gagas damaliger Aufstieg und die Erstarkung des House-Genres.

Hier sehe ich das wachsende Interesse an österreichischer Musik als Chance. Ich glaube nicht, dass der „neue Austropop“ stilbestimmend für die nächsten Jahre sein wird. Aber die öffentliche Wahrnehmung wurde und wird mit diesen Erfolgen angeregt. Allein die Tatsache, dass überhaupt ein eigener Genrebegriff (egal wie unkreativ er ist) verwendet wird, zeigt, dass sich hier eine österreichische Musikidentität bildet und damit Österreich als Musikland gestärkt wird.

Der Wunsch danach hat nichts mit Patriotismus zu tun, sondern vielmehr mit dem Wissen darum, dass es das geeignete Umfeld braucht, damit große Kunst aus diesem entstehen kann. Wenn die Möglichkeit als österreichische Musikerin tatsächlich gespielt zu werden nicht mehr nur Fantasievorstellung ist; wenn die Anzahl der Musiker, welche tatsächlich von der Musik leben können, so weit steigt, dass es ein realistisches Lebensmodell darstellt; und wenn schließlich die Anzahl der hellen und erfahrenen Köpfe steigt, dann ist die Chance, dass junge Nachwuchstalente davon profitieren können immens.

Das heißt nicht, dass damit alles passt. Es ist nach wie vor wichtig auf unbeachtete Genres hinzuweisen und kritisch zu hinterfragen, ob es Mechanismen in der Musikindustrie gibt, welche es Künstlern unnötig erschweren, sich weiterzuentwickeln. Doch muss man auch das Positive sehen und schließlich sogar ein bisschen daran glauben, dass es aufwärts gehen kann.

Zum Abschluss noch ein kleiner Musiktipp, ein neuer Vertreter des „alten Austropops“.

In diesem Sinne

keep writing,

Flint

Werbeanzeigen