Wish I was high

Es gibt ja eigentlich schon viel zu viele Liebeslieder. Zumindest genug, damit die typischen Klischees und Wendungen jedem bekannt sind („Ich liebe dich nicht… ha, doch!!“). Und als Untergruppe gibt es auch schon zahlreiche Trennungslieder, manchmal verbittert, aber öfter mit einem abgeklärten Lächeln unter den Tränenspuren (Empfehlung: „Good Life“, wer es noch nicht kennt!).

Gemeinsam haben solche Trennungslieder, dass man auf eine vergangene Beziehung zurückblickt, und durch den zeitlichen Abstand Gelegenheit hatte, das Besondere in der Beziehung, die man hatte, neu zu schätzen. Aber manchmal will man nicht eine Beziehung nicht neu schätzen lernen. Und manchmal war sie nicht einmal besonders.

Nicht alle Geschichten die man erlebt bestehen aus Superlativen, erst recht nicht wenn verschiedene Substanzen involviert sind. Dann besteht der Höhepunkt darin, dass man gerade im schmerzhaftesten Moment der Trennung nichts zum Rauchen zur Hand hat. Und auch wenn eine ehrliche Aussprache nüchtern geschehen sollte, ist der erste Gedanke angesichts des Ziehens in Bauch und Brust: „Ich wünschte ich wär‘ high.“

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Albumrezension: Estéban’s – Overthrown

Ich habe bereits an verschiedenen Stellen über die Musik in Österreich, vor allem deren Rezeption, reflektiert, habe sogar an euch Leser appelliert, dass man den österreichischen Musikern mehr Chancen geben sollte. Es gibt so unglaublich viele interessante Bands in Österreich, wahre Perlen direkt vor der Haustür, die es verdient haben, dass man sich näher mit ihnen auseinandersetzt.

Um das Kennenlernen dieser Bands leichter zu machen, und damit ich diesen Blog mal wieder verwende, hab ich beschlossen mich an einer Albumrezension zu versuchen. Ich will vor allem von meinem Eindruck erzählen, warum ich manche Sachen gut und andere schlecht finde, was vielleicht besser hätte werden können und wo mir einfach nur der Mund offen steht.

Unterm Strich sollt ihr Leser aber nie vergessen, dass es sich 1. immer nur um meine Meinung handelt und 2. ein Album in der Regel viel Arbeit bedeutet, die sich da einige Personen angetan haben, weswegen auch bei nicht so tollen Produkten man Respekt zollen muss, dass sie es zumindest probiert haben.

Das alles gesagt freue ich mich euch heute Estéban’s neues Album „Overthrown“ vorzustellen.

FAKTEN

Overthrown ist das dritte Studioalbum von Christoph Jarmer alias „Estéban’s“.Während seiner Zeit als Gitarrist bei „Garish“, einer österreichischen Band die bereits sechsmal für den Musikpreis „Amadeus“ nominiert war, hat er zwei Soloalben herausgebracht, nämlich „Serenity“ (2007) und „IR“ (2012). Jarmer und „Garish“ gaben im Mai dieses Jahres bekannt, dass sie nach 20 Jahren getrennte Wege gehen werden. Laut Jarmer selbst wird in „Overthrown“ diese Trennung sowie seine Rolle als frischgebackener Vater behandelt. Das Album verstehe sich als Ruhepunkt inmitten dieser turbulenten Zeiten und will mit seiner „entspannten Unaufdringlichkeit“ überzeugen.

BERUHIGENDE INTIMITÄT

Tatsächlich macht „Overthrown“ einen sehr persönlichen Eindruck. Während der Vorgänger „IR“ noch teils mit breiter Instrumentierung und viel Hall aufwartete, zeichnet sich Overthrown durch leise Arrangements aus, die Jarmers ruhiges Gitarrenspiel in der Vordergrund rücken. Daneben finden sich stellenweise Klavier, Bass, sphärische Klänge, Zweitstimme (Julia Poljak) und ein Schlagwerk wieder.

Durch diese spärliche Besetzung und die ausschließlich persönlichen Themen, die in den Liedern verarbeitet werden, entsteht eine interessante Intimität. Jarmers Stimme fügt sich grundsätzlich sehr gut in dieses auditive Setting ein, wobei ich hierzu weiter unten noch etwas schreibe. Das Album bleibt sich in dieser Intimität fast durchgehend treu und macht damit tatsächlich einen reifen, beruhigenden Eindruck auf mich.

FAST PERFEKT ZUM ENTSPANNEN

Jarmer selbst sagt, dass es vor allem auch die für die Aufnahmen verwendeten Gitarren aus Kanada, Spanien und Irland sind, welche dem Album seinen besonderen Charme verleihen. Wie schon gesagt klingen die Gitarren für mich großartig, jedoch sind es in meinen Ohren die Arrangements im Ganzen, die einen einheitlichen Sound bilden. Dieser besticht für mich zum einen mit seinem transzendenten Puls, der angenehm voran treibt, ohne zu hetzen. Verantwortlich zeigt sich hierfür Jarmers Gitarrenspiel und das Schlagwerk, welches eher als „Füllwerk“ verstanden werden darf, das sich zu keinem Zeitpunkt unangenehm aufdrängt.

Die Kompositionen selbst, also Akkorde, Melodien und Texte, können sich so von ihrer besten Seite zeigen. Hier und da gibt es überraschende Akkordwechsel, um das Interesse wach zu halten, doch im Großen und Ganzen schmiegen sich die Lieder angenehm ins Ohr. Das mag für jene, die auf „herausfordernde“ Musik stehen, langweilig werden, doch geht es in diesem Album gerade darum, sich von den Herausforderungen zu befreien. Diese Aufgabe erfüllt „Overthrown“ fast perfekt und gibt vielfach Möglichkeit, sich zu entspannen und den Alltag zu vergessen.

© Caspar Thiel

TEXTE ALS BEGLEITUNG

„Fast perfekt“ ist aber leider nicht „perfekt“, denn ein paar Elemente funktionieren dann doch nicht ganz. Während die Texte sehr ehrlich sind und nicht von der angenehmen Grundstimmung ablenken, sticht auch kaum etwas besonders positiv hervor. Es gibt teilweise gute Hooks (Set on Fire oder Hold on mit dem schönen Versprechen „’Till the birds fly higher“), doch der Rest fügt sich eher in die instrumentale Begleitung ein anstatt etwas Prägnantes zu liefern.

Angesichts der Tatsache, dass „Overthrown“ eher für den Bauch als den Kopf gedacht ist, ist das nicht so tragisch. Man könnte auch argumentieren, dass es gerade angesichts des Themas „Neuorientierung“ passend ist, wenn die Texte eher „schwach“ bleiben und, das Innenleben des Künstlers reflektierend, nur selten einen starken Punkt machen. Man kann jedoch auch in diesem „Zweifel“ interessante Wendungen nehmen, wie es etwa bei Beast („We look frightful“) passiert ist. Hier gebe es meiner Meinung nach noch Potenzial für Tiefe, das nicht genutzt wurde.

FRAGILE STIMME

Auch die Stimme geht nicht immer ganz auf. Jarmer hat eine sehr feine, fragile Stimme, die bei Tracks wie „Captured“ oder „Blame“ sehr effektvoll kommt und dabei keinen Vergleich mit Kapazundern wie José Gonzalez scheuen muss. Wenn Jarmer dagegen versucht zu erzählen, wie bei Maverick oder Portrait, geht zumindest mir etwas Substanz ab. Den geschriebenen Wörtern wohnt eine gewisse Erfahrung, „Schwere“ inne, welche durch Jarmers Stimme nicht ganz zum Ausdruck kommt.

Als Meister dessen sei etwa Johnny Cash genannt, der zum Beispiel Trent Reznor’s „Hurt“ eine neue Dimension verleihen konnte, die Reznor selbst nicht beherrschte. Das soll jedoch nicht heißen, dass Jarmer eine schlechte Stimme hätte: umgekehrt hätte Cash einem Stück wie I set on fire nicht dessen Leichtigkeit geben können. Hier hätte Jarmer noch Potenzial, bestimmte Lieder überzeugender zu interpretieren. Es sei vor allem Maverick erwähnt, welches in der Strophe stark auf das Erzählerische setzt, weswegen es auch das Stück ist, welches mich am Wenigsten berührt hat.

GERISSENER ROTER FADEN

Doch mein größtes Problem habe ich paradoxerweise mit einer der besten Nummern. Leaving Spaces, geschrieben und interpretiert von Julia Poljak, überrascht als Titel 8 mit schwermütigen Mollakkorden, der Absenz von Jarmers Stimme und neuen Sounds (Kontrabass und Kick mit viel Hall, maschinenartige Percussion) die man davor und danach auf dem Album nicht mehr zu Hören bekommt. Es fällt nicht komplett aus dem Rahmen: thematisch geht es auch in diesem Lied wieder um Veränderungen, um das Loslassen einer alten Beziehung und Jarmers Gitarrenspiel ist auch hier wieder von Anfang bis Ende bestimmend dabei. Jedoch ist der Sound, das vorherige Gefühl der Leichtigkeit nicht mehr vorhanden, und so wird mit der Sanftheit der vorherigen Stücke gebrochen.

Ich kann nicht genau sagen, was sich Jarmer hierbei gedacht hat. Möglicherweise wollte er eine weitere Facette zum Album hinzufügen, vielleicht erkannte er das Potential in Poljak und ermöglichte ihr so, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Das hat sie auch erfolgreich getan – nur wirkt ihr Song wie ein fremder Track, der sich zwischen mich und Esteban’s ruhige Nummern geschoben hat. So fühlen sich auch die nachfolgenden Nummern Captured und Ruby Red beim ersten Durchhören etwas deplatziert an, während sie sich beim späterer Wiederholung (unter Auslassung von Leaving Spaces) wunderbar ins Gesamtbild fügen.

Beim nochmaligen Hören kommt mir eine Vermutung, was der künstlerische Grund gewesen sein mag, Leaving Spaces an dieser Stelle zu inkludieren: durch den Bruch mit der bisherigen Stimmung wird das Album interessanter und gewinnt an Tiefe, symbolisiert die bestehenden Unruhen im Künstler selbst und gibt den nachfolgenden Nummern die Möglichkeit, den Hörer wieder zu beruhigen. Wie bereits gesagt empfand ich das Album bis zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht als langweilig. Man hätte Ruby Red, welches mit wunderbaren barocken Akkordfolgen aufwartet, stattdessen verwenden können, um die Stimmung etwas „düsterer“ zu machen, ohne dabei den roten Faden zu zerreißen. Wenn Leaving Spaces unbedingt inkludiert werden musste, dann hätte ich es einfach als Bonustrack an letzter Stelle genommen, losgekoppelt vom sonstigen Erzählstrang des Albums.

IM ÜBRIGEN…

Noch kurz zum Song, der dem Album seinen Titel verleiht und das selbe auch beschließt: Overthrowns unmittelbarer Einstieg passt für mich leider nicht zu den restlichen Stücken, die sich fast ausnahmslos zärtlich entwickelt haben. Es ist schön, dass am Ende eines Albums voller Zweifel ein versöhnliches Lied steht, doch hätte man ihm meiner Meinung nach noch mehr gerecht werden können. Als Hörer wird man am Anfang des Tracks etwas überrascht, hier hätte zumindest ein paar Sekunden (eher eine halbe Minute) dem Track meiner Meinung nach gut getan.

Positiv möchte ich noch explizit Beast hervorheben, das auch mit einer Singleauskoppelung und einem Video bedacht wurde. Die fein gezupfte Gitarre, der schwebenden Synthesizer, die rückwärts abgespielten Gitarrensounds und die feine Balance zwischen Solo- und mehrstimmigen Gesang machen diese Nummer zu meinem persönlichen Favoriten und gehören zu den schönsten Sachen, die ich in den letzten Monaten gehört habe, in- und außerhalb von Österreich.

FAZIT

© Julia Grandegger

Esteban’s „Overthrown“ ist eine wunderbare Singer-Songwriter Perle, welches durch einen schwebenden Sound und zärtliche Lieder überzeugt, ohne dabei jemals fad zu werden. Ich hätte mir zwar bei manchen Stücken eine stärkere Stimme und mehr textlichen Tiefgang gewünscht, doch hat mich das nur vereinzelt davon abgehalten, mich in dieses Album fallen zu lassen. Problematischer ist die Nummer Leaving Spaces, welche das sonst in sich stimmige Album mit seinem anderen Sound zerreißt. Doch das ist der einzige wirkliche Faux-Pas für mich, ansonsten ist „Overthrown“ eine schöne Herbstplatte mit dem richtigen Anteil an Melancholie und lächelnder Leichtigkeit.

Auf meinem persönlichen Gefühlsbarometer bekommt dieses Album damit ein 7-8 von 10.

Ich hoffe ihr konntet euch einen ersten Eindruck von diesem Album machen und vielleicht konnte euer Interesse geweckt werden. Wenn ihr es schon gehört habt würde mich eure Meinung zu der Platte interessieren!

Ihr findet mich auf Facebook unter facebook.com/flintmakesmusic, ich freue mich über jedes Feedback und Vorschläge oder Hinweise, welche Alben österreichischer Künstler in nächster Zeit erscheinen oder kürzlich erschienen sind!

Keep writing,

Flint

The end is never the end is…

Dieser Blog war ursprünglich in zwei Teile geplant: einerseits ein „theoretischer“ Teil, in dem ich mich abstrakt mit verschiedenen Aspekten des Songwritings beschäftigen würde. Andererseits ein „praktischer“ Teil, in dem ich von meinen Erlebnissen als Songwriter, Musiker, Künstler allgemein berichten würde.

Etwa zwei Jahre nach meinem ersten Beitrag und etwa 25 Texte später wird klar, dass der praktische Teil ziemlich auf der Strecke geblieben ist.

Und das ist eigentlich seltsam. Denn in diesen zwei Jahren ist musikalisch viel passiert bei mir. Ich hatte meine ersten Auftritte mit einer Band; hab meine ersten eigenständigen Produktionen veröffentlicht; ich leite meine ersten Chor; und habe generell viel über mich als Menschen und vor allem als Musiker gelernt.

Doch es wird verständlicher, wenn man eine meiner fundamentalsten Schwächen in Betracht zieht: Perfektionismus. Diese Eigenschaft hilft mir zwar, bei Songtexten nicht den Überblick zu verlieren (schließlich soll ein Song als Ganzes passen, nur dann ist er „perfekt“). Jedoch hindert sie mich daran, Sachen, bei denen ich Verbesserungspotential sehe bzw. noch nicht als fertig betrachte, herzuzeigen.

Und, naja – ich sehe mich als Musiker noch als „unfertig“ an. Deswegen präsentier ich mich selbst nur ungern. Und daran wird sich die nächsten Jahre nicht so schnell etwas ändern.

Das heißt nun, dass ich entweder so lange keine Beiträge mehr schreibe, bis ich mich „bereit“ fühle. Diesen Weg bin ich die letzten Monate gegangen. Oder: ich springe über meinen Schatten und lasse euch, liebe Leser, an meinen Imperfektionen teilhaben. Aus marketingtechnischer Sicht wäre das wohl fatal, schließlich soll man „souverän“ sein, wenn man etwas tut – sich keine Fehler anmerken lassen.

Aber Marketing kommt von Marke, und eins weiß ich bestimmt: ich mache Musik nicht, um eine Marke zu sein. Ich mache sie nicht, um geliebt oder begehrt zu werden. Ich mache sie, in erster Linie, für mich. Wegen der Welten, in denen ich mich finde, der Dinge, die ich dort lerne. Und ich teile sie gern mit anderen, weil dadurch alles noch einmal ein bisschen besonderer wird.

Ich will jetzt also mehr Persönliches von mir preisgeben, vielleicht anderen Hobbymusiker eine Möglichkeit geben, von meinen Erlebnissen etwas mitzunehmen. Dem normalen Musikkonsument einen kleinen Einblick geben, was sich im Kopf von einem Musiker tun kann. Und schließlich schauen, ob ich das schaffe, mich auf das Unperfekte einzulassen. Es ist nicht leicht, aber das gehört dazu, denke ich. Da das ein ganz neuer Versuch für mich ist, freue ich mich über jedes Feedback.

In diesem Sinne,

keep writing

Flint

Austropop – Überlegungen eines Außenstehenden

Ein Artikel im Profil setzt sich mit der momentanen Bewegung des „neuen Austropops“ auseinander und warnt vor übertriebenem Patriotismus und anderen Klischees, welche es zu vermeiden gelte.

Ich bin Musiker, der Songs auf Deutsch schreibt, und darüber hinaus fühle ich mich auch als Österreicher – deswegen fühle ich mich hier etwas betroffen. Insbesondere von der Frage: was kann dieser „neue Austropop“ denn jetzt genau sein, und wie solle man ihn werten? Und stellvertretend für die anderen 99% der österreichischen Künstler stelle ich auch die Frage: was bedeutet dieser Hype für mich, wenn er mich nicht unmittelbar betrifft?

Die beiden bekanntesten Namen in Verbindung zu diesem Thema sind derzeit sicherlich Wanda und Bilderbuch. Oberflächliche Gemeinsamkeiten sind klassische Rock’n’Roll Elemente wie die Stammbesetzug mit Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang sowie zwei charismatische Frontmänner, welche eine Show gut tragen können. Beide singen auf Deutsch, nicht mit starken Dialekt, aber doch erkennbarem österreichischem Einschlag. Die Themen sind jedoch verschieden, bei Wanda finden sich Melancholie und Parolen (AMORE!), während Bilderbuch eher durch Sex und abstrakte Begriffe besticht.

Für den Begriff „Austropop“ ist die Sprache sicher ausschlaggebend. Was aber unterscheidet diese beiden Aufsteiger von anderen österreichischen KünstlerInnen, welche ebenfalls in ihrer Muttersprache singen?

Das kann ich natürlich nicht abschließend beantworten. Wie so oft bei solchen Phänomenen wird es eine Mischung aus Können, Glück, aber vor allem auch das Treffen des Zeitgeists sein. Ich habe in einem Kommentar gelesen, dass die beiden Bands das österreichische Lebensgefühl gut nach außen vertreten, und ich schätze da liegt ein Korn Wahrheit drinnen. Nur handelt es sich wohl um ein Lebensgefühl, das man gern hätte: man singt in lässigem Dur über den Tod, und mit pochenden Bass über Sex.

In Verbindung mit dem angesprochenen Rock’n’Roll wird österreichische Musik damit mit Begriffen assoziiert, die bisher nicht gang und gäbe waren: cool und einfach nur geil. Das heißt jetzt nicht, dass österreichische Musik diese Elemente noch nie hatte bzw. dass sich dieser Trend jetzt fortsetzen muss. Aber zum ersten Mal seit einiger Zeit scheint österreichische Musik nicht einfach nur experimentell, gedankenverloren oder anbiedernd, oberflächlich – sondern einfach nur abwechslungsreich und unterhaltsam.

Die im Artikel oben angesprochene Gefahr der Selbstidentifikation über diesen Patriotismus finde ich nicht unrelevant, vor allen wenn manche Menschen tatsächlich meinen, dass Bilderbuch und Wanda „typisch Österreich“ wären – und nicht etwa Andreas Gabalier, der rein von den Zahlen Österreich eher repräsentiert. Ich persönlich kann mit Bilderbuch noch am meisten anfangen von den drei Künstlern, aber auch nur in begrenztem Ausmaß.

Viel wichtiger als vor den Gefahren zu warnen ist es aber die Chance zu sehen. Damit kommen wir zur letzten Frage, welche auch stark mit dem Blick in die Zukunft zusammenhängt. Wird in Zukunft dreckiger Rock’n’Roll wieder am Vormarsch sein, wird sich dieser „neue Austropop“ etablieren, brechen noch dunklere Zeiten für jene KünstlerInnen an, die es bisher schon schwer hat?

Vorweg: viel dunkler kann es für die meisten nicht mehr werden. Von seinen eigenen Kreationen leben zu können schaffen nur die Wenigsten, und die auch nur, weil sie viele Kompromisse eingehen, sich den Arsch aufreißen. Meistens wird es eine andere Einnahmequelle geben, da die Musik allein nicht reicht. Wenn man nicht gerade direkt mit den beiden Bands konkurriert, dann werden einen die Entwicklungen nicht härter treffen als etwa Lady Gagas damaliger Aufstieg und die Erstarkung des House-Genres.

Hier sehe ich das wachsende Interesse an österreichischer Musik als Chance. Ich glaube nicht, dass der „neue Austropop“ stilbestimmend für die nächsten Jahre sein wird. Aber die öffentliche Wahrnehmung wurde und wird mit diesen Erfolgen angeregt. Allein die Tatsache, dass überhaupt ein eigener Genrebegriff (egal wie unkreativ er ist) verwendet wird, zeigt, dass sich hier eine österreichische Musikidentität bildet und damit Österreich als Musikland gestärkt wird.

Der Wunsch danach hat nichts mit Patriotismus zu tun, sondern vielmehr mit dem Wissen darum, dass es das geeignete Umfeld braucht, damit große Kunst aus diesem entstehen kann. Wenn die Möglichkeit als österreichische Musikerin tatsächlich gespielt zu werden nicht mehr nur Fantasievorstellung ist; wenn die Anzahl der Musiker, welche tatsächlich von der Musik leben können, so weit steigt, dass es ein realistisches Lebensmodell darstellt; und wenn schließlich die Anzahl der hellen und erfahrenen Köpfe steigt, dann ist die Chance, dass junge Nachwuchstalente davon profitieren können immens.

Das heißt nicht, dass damit alles passt. Es ist nach wie vor wichtig auf unbeachtete Genres hinzuweisen und kritisch zu hinterfragen, ob es Mechanismen in der Musikindustrie gibt, welche es Künstlern unnötig erschweren, sich weiterzuentwickeln. Doch muss man auch das Positive sehen und schließlich sogar ein bisschen daran glauben, dass es aufwärts gehen kann.

Zum Abschluss noch ein kleiner Musiktipp, ein neuer Vertreter des „alten Austropops“.

In diesem Sinne

keep writing,

Flint

„Die sollen was Gscheits machen!“ – Qualität in Österreich

Gleich einleitend zum Blog: Ich weiß, ich schreibe momentan kaum bis gar nichts. Das liegt daran, dass ich neben dem Songwriting gerade sehr viel am Instrument arbeite, Projekte betreue und daneben noch mein Studium abschließe. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder mehr schreiben werde, jetzt gerade liegen meine Prioritäten aber woanders.

Trotz allem muss hin und wieder doch etwas raus, meistens anlassbezogen. In diesem Fall ist das ein Artikel im Standard und die dazugehörigen Kommentare. Das leidige Thema „Musik aus Österreich“ und der Umgang der öffentlich-rechtlichen Sender wird behandelt, die zunehmende Unzufriedenheit der österreichischen Musikschaffenden dargelegt. Die Kommentare darunter sind auch nicht neu: Vereinzelt Zustimmung, manchmal weiterführende Überlegungen, doch das Hauptcredo lautet: „Machts was Gscheits, dann kauf mas auch!“

Ich bin nicht nur Künstler, sondern auch ein begeisterter Freund der wissenschaftlichen Methode. Kritische Auseinandersetzung mit Themen, egal welcher Art, ist für mich Usus. Am Anfang stehen immer Fragen und derer habe ich bei der eben zitierte Aussage zuhauf: Was ist was „Gscheits“? Wie schaut der Markt für was „Gscheits“ aus? Was wäre das perfekte Geschäftsmodell des modernen Musikers? Was hindert heimische Musiker gerade daran, diese Punkte umzusetzen? Gibt es einen Nachteil, den wir etwa gegenüber US-Amerikanern haben?

Das sind alles Punkte, die eine Rolle spielen, welche aber vom durchschnittlichen Nichtmusiker nicht ohne weiteres beantwortet werden können. Das ist nur fair: Wenn ein Installateur sich beklagt, dass er so schwer Arbeit findet, dann werde ich ihm als Kunde sagen können, was ich mir erwarte. Aber ich werde ihm nicht einen Businessplan erstellen, wo ich auf jeden einzelnen Punkt eingehe. Das Publikum gibt Feedback, ob ihm die Musik gefällt oder nicht. Vielleicht noch irgendeine Begründung à la „Ist mir zu langsam“. Alles mehr ist schon ein Bonus, über den man sich als Selbstständiger freuen sollte.

Warum aber schreibe ich dann diese Kolumne, wenn diese Dinge für mich außer Streit stehen? Es gibt einen Unterschied zum angesprochenen Installateur: Der österreichische Musikschaffende steht unter dem Generalverdacht, nichts draufzuhaben. Nicht im Sinne von „Man muss halt mal zeigen, ob man was draufhat“, sondern „Klingt ganz gut, aber ist halt doch nur aus Österreich“.

Warum ist das so? Mehrere Gründe fallen einem ein. Die amerikanischen Einflüsse auf unsere Kultur, welche das Gefühl vermitteln, dass ein Künstler ein Millionenpublikum haben muss, bevor er echt als „groß“ akzeptiert werden kann. Michael Jackson, Lady Gaga, Queen, The Beatles: Sie alle haben in kleinen Clubs angefangen, keiner von denen wurde vom ersten Abend weg „entdeckt“ und waren Weltstars. Da war viel Glaube und Vertrauen von ihrer Umgebung dabei, dass sie so weit kommen würden.

Das gibt es bei uns nicht, was mich zum nächsten potentiellen Grund bringt: das „kollektive österreichische Minderwertigkeitsgefühl“ der ehemaligen Großmacht, welches den gesamten österreichischen Kulturbetrieb niederdrückt. Das schimmert immer dann durch, wenn überrascht gefragt wird „Was, der/die erfolgreiche KünstlerIn ist aus Österreich?“ Man kann nicht glauben, dass ein „so kleines Land“ wie unseres etwas Besonderes produzieren könnte. Zu einem gewissen Grad ist das sogar rational: Österreich hat weniger Geld zum Verpulvern, riesige Studios mit state-of-the-art Technik findet man, unabhängig von der Größe, eher in den USA. Eine Abwertung des kreativen Talents, des Ideenreichtums, kann damit jedoch nicht erklärt werden.

Warum auch immer dieses Vorurteil vorherrscht, es ist da. Ist der Gedanke „Naja, doch nur aus Österreich“ also vollkommen haltlos? Nein.

Ich war vor kurzem für eine Woche in London, war dort bei mehreren Singer-Songwriterevents, in erster Linie um die „Konkurrenz“ abzuchecken. Zwei Dinge fielen mir auf: zum Einen, die Musiker sind nicht wesentlich besser als bei uns. Natürlich, die englischen Lieder klingen bei Muttersprachlern in der Regel runder (aber sogar das nicht immer), doch sonst waren um keinen Deut mehr „Genies“ dabei.

Zum Zweiten, das Publikum war um einiges vielfältiger. Vergleichbare heimische Events, wo sich österreichische Künstler präsentieren, sind normalerweise nur von Freunden und Bekannten aus der jeweiligen „Szene“ besucht. In London waren verschiedenste Leute da: eine Gruppe von Freunden, die einfach nur abhängen wollte, später kam auch noch ein Businessmann im Anzug auf einen Sprung vorbei; ein Althippie schaute kurz rein und ging dann weiter. Die Leute waren sehr viel offener und die Musiker hatten ein größeres Publikum, vor dem sie sich beweisen mussten.

Ein österreichischer Musiker zu sein hat also tatsächlich einen Nachteil: Man arbeitet in erster Linie mit einem österreichischen Publikum, das nicht an einen glaubt. Sogar wenn man gut genug spielt, dass man positiv in Erinnerung bleibt, ist man doch nur eine Sternschnuppe, „halt nur aus Österreich“. Man stumpft als Musiker ab, wird nicht gefordert, weil es sowieso egal ist, was man tut. Dabei ist es ein Prozess, dass man besser wird, dass man eben eine Größe erreicht, welche dann auch von verschiedenen Medien registriert wird.

Aber das geht nicht ohne Fans, ohne Menschen, die an einen glauben. Die etwas in einem sehen, was über einen Abend hinausgeht, die einen Vertrauensvorschuss geben, weil sie wissen, dass manche Dinge Zeit brauchen. Ich bin sehr froh, dass ich Menschen gefunden habe, die das tun. Fans, die mich darin bestärken, weiter an meinen oben genannten Projekten zu arbeiten. Sie sind es, die mich besser machen, die mir die Chance geben, über mich hinaus zu wachsen. Aber sie sind die Ausnahme, das sehe ich auch oft bei anderen Künstlern, die sich trotz großartiger Performance schwer tun, einen Fanstamm zu erarbeiten.

Kommen wir also zum oben genannten Credo zurück: „Machts was Gscheits, dann kauf mas!“ Die meisten Leute, die das sagen, investieren nicht einmal die Zeit, um sich österreichische Bands auch nur anzuhören. Sie glauben, dass man dann in den Medien ist, wenn man „gut genug spielt“. Das stimmt nicht: Die Medien greifen einen Künstler erst dann auf, wenn dieser genug Fans hat. Eben jene Leute, die darauf vertrauen, dass jemand was „Gscheits“ macht und bereit sind, wenn schon nicht Geld, dann zumindest Zeit zu investieren. Alle anderen, die danach kommen, können natürlich auch Fans werden – aber dürfen sich nicht wundern, wenn „so wenig Gutes“ aus Österreich vorhanden ist.

Abschließend noch zwei Sachen: das entlässt die öffentlich-rechtlichen Sender nicht aus ihrer Verantwortung, österreichische Künstler zu unterstützen. Viel mehr geht es mir darum, dass neben der „Industrie“ und dem einzelnen Musikschaffenden auch das Publikum für den Zustand der Musiklandschaft verantwortlich ist.

Und andererseits hier noch zwei Links zu Open Stage Veranstaltungen in Wien, wo man neue großartige Musiker kennenlernen kann. Wer tatsächlich meint, dass österreichische Musiker nichts draufhaben, der möge sich die Zeit nehmen und ein-zweimal bei diesen Veranstaltungen vorbeischauen. Ich sehe dort so viel Talent, das in der heimischen Szene steckt, dass ich tatsächlich auf Argumente gespannt bin, die versuchen das zu widerlegen.

http://wwww.floorspot.org
http://wwww.cafeconcerto.at/node/18

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Flint

After the Shitstorm – was bleibt?

An anderer Stelle bin ich kurz auf eine aktuelle Diskussion eingegangen, ausgelöst durch den Teil eines Interviews mit der Ö3-Moderatorin für die Austrian Top-40, in dem sich diese abwertend über österreichische Musik geäußert hat. Ich habe bewusst ihren Namen rausgehalten, da das für mich nicht das Interessante war – im Nachhinein gesehen stand ich damit wohl recht alleine da. Angefangen mit abfälligen Bemerkungen über ihre Kompetenz als Moderatorin bis hin zu ausdrücklichen Beleidigungen ihrer Person ist der Shitstorm über sie hinweggefegt. So hat etwa der Kabarettist Thomas Stipsits in einem Video das Interview überspitzt dargestellt und impliziert, dass sie kokst (zu finden auf seiner Facebookseite). Der Sketch ist gut gemacht, aber er zeigt deutlich, dass der Großteil der Leute nur die Moderatorin als das Problem wahrgenommen hat – und nicht das, was hinter ihrer Aussage steckt.

Es gab jedoch auch andere Reaktionen, nur Stunden danach etwa eine kurze Nachstellung der erzählen Situation:

Inhaltlich mehr hergebend war der noch am selben Tag erschienene Song inklusive Video: „Lied, das wahrscheinlich ganz schlecht ist“ von „Irgendsoeine österreichische vollkommen unbekannte Band“.

Hier werden die Probleme, welche Musiker tatsächlich belasten, schon eher angesprochen. Die Frage, die indirekt gestellt wird: was ist an internationalen Songs musikalisch so viel „besser“, dass es eine solche Bevorzugung gegenüber nationalen Liedern rechtfertigt? Natürliche gibt es Elemente, die in den USA tatsächlich eine eigene Qualität haben, etwa der Sound (nicht ohne Grund sind etwa die großen Hits von Lady Gaga wie Bad Romance oder Just Dance vom selben Typen, RedOne, produziert worden).

Doch viel davon ist in meinen Augen nur geschicktes Marketing, welches nicht von Ö3 ausgeht, sondern direkt von den USA: man redet uns ein, dass dort die „echten Stars“ sind, Ö3 ist nur ein Teil der Maschinerie, genau wie viele andere Mainstreamsender in anderen Ländern. Es wird viel Geld ins Marketing gesteckt, dieses Geld muss vor allem über Konzerte reinkommen – und diese müssen auch international ausverkauft sein. Naheliegenderweise muss also jeder nationale Künstler, der einem Justin Bieber oder Robbie Williams in die Quere kommen könnte, weg – sonst hat man dieses Land als Einnahmequelle verloren.

In weiterer Folge versucht man als österreichischer Künstler, der dann halt doch mal vor tausenden Leuten spielen möchte, sich diesem Stil anzupassen. Das Problem dabei ist, dass man das Original der Kopie vorziehen wird – der „österreichische Justin Bieber“ funktioniert nur dann, wenn er Dialekt singt (da dieser Marktbereich nicht international besetzt werden kann), und ist dann auch weniger Musiker als Marke. Für manche ist das erstrebenswert (Tom Neuwirth alias Conchita Wurst etwa steht offen dazu, eine Kunstfigur zu sein), doch für jemanden, der tatsächlich als „authenthischer Musiker“ berühmt werden will, ist es ein Albtraum. Daher auch der Ratschlag, den ich von einem etablierten Labelchef gehört habe: sich niemals anpassen, das eigene Ding finden und durchziehen.

Auf diesen Aspekt geht auch folgender Song ein:

Nachdem nun einige Wochen ins Land gezogen sind, sind wir wieder im „Alltag“ angelangt. Die Moderatorin ist nach kurzem Krankenhausaufenthalt aufgrund der „Hexenverbrennung“ wieder auf den Beinen, österreichische Musiker sind in der öffentlichen Wahrnehmung nicht viel präsenter. Es sind viele kleine Geschichten, die notwendig sind, damit sich etwas ändert – sagt der Optimist in mir. Der Pessimist meint, dass es erst größere Ereignisse brauchen wird, bevor sich etwas bewegt. Der Realist schließt diesen Beitrag mit einem Schulterzucken ab und arbeitet weiter an seiner Musik.

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Flint

Conchita Wurst – was man von ihr lernen kann

© Bild: ORF/MILENKO BADZIC

Auch Nicht-Österreichern ist der Mann, der als bärtige Frau verkleidet den Eurovision Songcontest triumphal gewonnen hat, nunmehr ein Begriff. Nun, eher die Kunstfigur namens Conchita Wurst – deren Schöpfer Tom Neuwirth grenzt scharf zwischen sich und dieser „zweiten Persönlichkeit“ ab, somit will ich ihm damit folgen und Conchita weiterhin als die Frau betrachten, die sie gerne ist.

Und was für eine Frau das ist! Die letzten Tage habe ich mir im Zuge der Berichterstattung (nicht zuletzt angeregt durch einen interessanten öffentlichen Chat mit ihr) einige Gedanken gemacht – was es ist, dass die Leute dazu bewegt jenseits aller politischen Anliegen sie anzufeuern und ehrlich vom Sieg begeistert zu sein. Sogar mein Vater, der sich selbst eher im konservativen Eck sieht und persönlich vor allem klassisches Material singt, war im Vorfeld gespannt darauf, wie Conchita uns beim ESC vertreten würde. Was sind es nun also für Aspekte, die man sich von Frau Wurst abschauen sollte – abgesehen natürlich vom Bart?

 

1. Musik ist das Wichtigste

Viele tun sich schwer mit Conchita, unter anderem weil allein ihre Erscheinung bereits gesellschaftliche Normen durchrüttelt. Manche empfinden es als aufdringlich, wenn jemand schon durch das Aussehen versucht eine Botschaft zu vermitteln. Bei aller Kritik geht Frau Wurst auch keine Kompromisse ein und steht zu ihrem Aussehen. Zu einem guten Teil wegen der Ideologie, die dahinter steckt – aber vor allem, weil sie sich damit wohl fühlt. Damit entgeht sie der Falle anderer provokanter Acts, die sich auf die Diskussion um ihr Auftreten reduzieren lassen.

Man merkt auch beim Singen, dass da nicht nur eine Aktivistin auf der Bühne steht, die beweisen will, dass auch „unechte“ Frauen sexy sein können – da ist vor allem eine Sängerin, die in einer riesigen Halle etwas darbieten kann, das sie liebt und jeden Moment genießt. Das macht sie nicht nur sympathisch, sondern zum Inbegriff dessen, was ein Künstler eigentlich immer machen sollte: den Zuhörern große Emotionen vermitteln. Conchita liefert eine Performance ab, die genau darauf abzielt.

 

2. Konsequent groß denken

Zweifel ist ein natürlicher Bestandteil unseres Denkens: er lässt uns vorsichtig werden und ist, zumindest im Kern, nützlich um nicht Hals über Kopf in blöde Situationen zu schlittern. Meistens jedoch wird er über diese „erste Sicherung“ hinweg zu lange weitergetragen, so dass er einen daran hindert, größere Risiken zu nehmen. Conchita wird bereits vor ihrem bis dato größten Auftritt in Bezug ihren Lebensweg Zweifel gehabt haben: wie und wo sie sich präsentieren kann, ob sie damit hauptberuflich Geld verdienen will – Zweifel, die wir auch alle hatten und haben.

Conchita hat einen schwierigeren Weg als die meisten gewählt, geht diesen aber konsequent weiter. Sie versteckt sich zu keinem Zeitpunkt hinter verharmlosenden Späßen, sie nimmt sich und ihre Musik ernst. Das führt dazu, dass bei der Frage der Performance eine Shirley Bassey nicht einfach nachgeahmt wird – Conchita WIRD zu Shirley Bassey, weil sie jeden Zweifel an der Sache selbst fallen lässt.

 

3. Ruhe gefunden haben

Das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten überrascht hat. Ich habe interessehalber die letzten (erfolglosen) österreichischen Teilnehmer des ESC auf Wikipedia nachgelesen, einfach nur um irgendwie zu verstehen was Frau Wurst von den anderen abhebt. Die Trackshittaz waren ebenfalls ausgerissen, Nadine Beiler hat mit großer Stimme eine große Ballade gesungen – weder Bart noch James-Bond-Lied allein verschafften Conchita diesen Erfolg. Und dann ist es mir aufgegangen, welcher Aspekt sich durch die ganzen Medienauftritte von Conchita Wurst zieht: Ruhe, Selbstverständlichkeit, Gewissheit den richtigen Weg zu gehen.

Es gibt viele Künstler, welche die Musik lieben – und nicht wenige von denen sind sehr engagiert bei ihrer Karriere. Ich bin immer beeindruckt, wenn ich diese persönlich kennenlerne. Aber fast immer spürt man eine Unruhe, Unsicherheit, welche offenbar wird wenn man die Künstler in Situationen steckt, wo die Bedingungen schwierig sind. Oft reagieren sie mit Unmut, rechtfertigen sich oder tun Kritik einfach ab. Ich selbst bin da keine Ausnahme, und deshalb ist es eine so wichtige Erkenntnis für mich, mit was Conchita die Menschen letztendlich auch in ihren Bann gezogen hat: dass sie „angekommen ist“.

 

Es kann sein, dass die Verantwortlichen Conchita deshalb zum ESC geschickt haben, weil sie auf einen „Freak-Bonus“ gehofft haben. Es erfordert ein ganz starkes Selbstverständnis, dass die Sängerin, wie oben erwähnt, zu keinem Zeitpunkt ihre Teilnahme heruntergespielt hat, sondern weiter daran glaubte: das, was ich tue, ist gut, ist richtig, ich stehe dazu. Nur so kann sie auch die Menschen mit der Musik erreichen, ohne Zweifel oder Angst auf der Bühne stehen. Wenn man nicht nur an sich glaubt, sondern es auch nicht mehr nötig hat, es bei jeder Gelegenheit irgendwie beweisen zu müssen.

Das ist ein Aspekt, den ich bis jetzt nie so bewusst wahrgenommen habe, obwohl er mir jetzt bei vielen meiner Lieblingskünstler auffällt. Manchmal braucht es Zeit, bis man zu einem „Ich“ findet, das man der Öffentlichkeit vorbehaltlos zur Schau stellen kann. Manchmal muss man sich aber auch bewusst entscheiden, dass man endlich seine Sache durchziehen will, dass jede Rechtfertigung vorbei ist. Sich überwinden, für einen Weg entscheiden und die damit verbundenen Risiken voll akzeptieren.

Conchita Wurst hat das mehrmals getan und damit völlig verdient einen riesigen Erfolg errungen. Nicht nur als Sängerin beim ESC, sondern als Ikone und, zumindest für mich, Vorbild.

Start and keep writing,

Flint