Textanalyse: Fever von Peggy Lee

Es ist doch interessant, wie fragil die Liebe zu verschiedenen Dingen sein kann und vor allem abhängig vom Kontext, in dem man zueinander steht. Ich liebe zum Beispiel meine Eltern – aber wenn sie krank sind und mich anstecken, möchte ich so viel Distanz wie nur möglich. Oder die Weihnachtsfeiertage, fast die schönste Zeit im Jahr – wenn alle Geschäfte zu haben und man hat davor nicht genug eingekauft, können sie nicht schnell genug um sein.

Eigentlich wollte ich ja weiter an meinen Beiträgen arbeiten, weiter theoretische Sachen veröffentlichen, aber die Krankheit hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Deswegen werde ich einen meiner Neujahrsvorsätze noch vorm neuen Jahr umsetzen, nämlich: konkrete Analysen von Texten. Und was wäre besser geeignet als ein Klassiker, wo jeder ein paar Worte mitsingen, aber wohl kaum jemand den ganzen Text rezitieren kann? Ja, ich rede von „Fever“, in der ’58er Version von Peggy Lee.

Geschrieben von Eddie Cooley und Otis Blackwell (unter dem Pseudonym John Davenport; Blackwell zeichnet sich unter anderem für Lewis‘ „Great Balls of Fire“ und Presleys „Don’t be cruel“ verantwortlich!), wurde es erstmals von Little Willie John im Jahr 1956 veröffentlicht.

Obwohl es sich um dasselbe Lied handelt, sind Lees und Johns Versionen sehr unterschiedlich. Auf der musikalischen Seite handelt es sich beim Original um einen soliden Blues mit durchgehendem Saxophon, cleaner E-Gitarre und Backgroundsängern,während Lees Cover von einer spärlichen Instrumentation lebt – Stimme, Bass und Drums schaffen eine intime Atmosphäre, wo statt der Eroberung eher das subtile Angebot in der Luft liegt. Auch textlich ist dieser Unterschied erkennbar, in erster Linie beim…

Erzählen

Der Originaltext ist sehr direkt und aktiv, das lyrische Ich (LI) fängt sofort mit der Liebeserklärung an („Never know how much I love ya“), um in der zweiten Strophe typisch für Eroberungen die Angesungene zu überzeugen, warum gerade der Sänger der Richtige ist („No one could love you the way I do“). Nach diesen selbstbewussten Worten wird das LI wieder demütiger („Take these arms I’ll never use“), um in der letzten Strophe schließlich mit einem schönem Bild „den Sack zuzumachen“. Unterbrochen werden die Strophen von einem Refrain, die vom doppeldeutigen Fieber handeln, welches einen wachhalten wird.

Peggy Lees Version besteht ebenfalls aus vier Strophen, wobei sie nur die erste und letzte des Originals übernimmt und dann zwei selbst geschriebene singt. Und das ist wörtlich zu verstehen, da Peggy Lee selbst die „historischen“ Strophen geschrieben hat, ohne irgendwo als Bearbeiterin offiziell angeführt zu werden.

Lee fängt ebenfalls direkt mit der Liebeserklärung an, setzt dann aber gleich mit dem romantischen Bild fort. Nach einer kurzen textlichen Bridge („Everbody’s got the fever…“) wird von Romeo und Julias Liebe und schließlich von Pocahontas und Captain Smith erzählt. In beiden Fällen wird der Refrain, der sonst unverändert vom Original übernommen wurde, leicht variiert, um auf den Strophentext einzugehen. Abschließend kommt eine „Moral der Geschichte“ Strophe und schließlich ein Outro.

Man sieht also, dass die Erzählstruktur eine komplett andere als beim Original ist. Solche Änderungen geschehen selten ohne Grund – warum also hat Peggy Lee hier sogar extra zwei Strophen geschrieben, wenn das Original ebenfalls lang genug war?

Ihrer eigenen Aussage nach war es zu riskant, die zweite und dritte Strophe des Originals zu singen. Dadurch wird der fundamentale Unterschied zwischen beiden Versionen offensichtlich: das Original wird von einem aktiven Mann, das Cover von einer passiven Frau gesungen. Little Willie John überzeugt vier Strophen lang sein Gegenüber, dass sie miteinander in die Kiste hüpfen sollten, während Peggy Lee niemals ausdrücklich sagt, dass sie das Eine will. Tatsächlich ist die erste Strophe noch relativ explizit („When you put your arms around me“), während alles danach eher verwässert: die zweite Strophe geht auf die romantische Ebene, und schließlich wird der Fokus vom unmittelbaren Miteinander auf historische Figuren verlegt.

Dadurch wird der eigenen Romanze noch mehr Gewicht verliehen: während bei Little Willie John die physische Anziehung im Vordergrund steht, kann man bei Peggy Lee eher von „Schicksal“ sprechen, dass man so wie Romeo und Julia einfach füreinander geschaffen ist. Die „heiße“ Strophe wird dadurch entschärft und der ganze Text eher auf die Kopfebene verlagert. Dazu trägt auch die Variation des Refrains nach der dritten und vierte Strophe bei (etwa „Thou giveth fever when we kisseth“), was als lustig oder verspielt gesehen werden kann – keinesfalls jedoch als „sexy“, ein Gefühl, welches bei Little Willie John im Vordergrund stand.

Die zwei neugeschriebenen Strophen sind also vermutlich entstanden, weil Peggy Lee wusste, dass eine unbearbeitete Version zu eindeutig für das damalige Publikum wäre. Dass der Text trotzdem immer noch als „verrucht“ empfunden werden kann, sieht man vor allem beim kreativen…

Verdichten

Fieber als Zustand wird mit Schwäche, Delirium und vor allen Dingen Kontrolllosigkeit assoziiert – per se negative Attribute, die auch dem Liebesrausch zugeschrieben werden. Durch diese Ambivalenz (positive Liebe, die „schlecht“ für einen ist) entsteht durch diese Metapher Spannung, welche dem Zuhörer im Gedächtnis bleibt. Little Willie John geht auf diese Thematik vergleichsweise wenig ein: anfangs in der ersten Strophe („[…]it’s so hard to bear“) und dann vor allem in der dritten Strophe, wo er seine Schwäche eingesteht.

Hier sei als Beispiel für tolles Verdichten auch die erste Zeile Bless my soul, I love you hervorgehoben: durch die Verwendung der Formulierungen „Bless you“ wird eine Assozation zum religiösen Glauben hergestellt (ein wichtiges Element im Blues und Jazz!), wo man ebenfalls seine Schwäche gegenüber Gott eingesteht. Mit ein paar Wörtern wird das davor selbstbewusste lyrische Ich um eine weitere Facette bereichert.

Peggy Lee hat diese dritte Strophe der „Schwäche“ nicht drinnen; und hätte sie rein beliebig irgendwelche bekannte Liebespaare in ihren selbstgeschriebenen Strophen gewählt, so wäre der Text nach der ersten Strophe tatsächlich nur noch Lückenfüller, bis der Refrain wiederkommt. Die Paare Romeo und Julia, sowie Pocahontas und Captain Smith haben jedoch eine wichtige Gemeinsamkeit: es sind Beispiele großer, verbotener Liebe.

Während Romeo und Julia am Ende sogar sterben, sind auch Pocahontas und Smith durch verschiedene Umstände getrennt – in beiden Fällen handelt es sich um Liebe, welche sich der Kontrolle durch äußere Umstände entzieht. Das Motiv des „Fiebers“, welches so intensiv ist, dass man sich ihm ergeben muss, wird hier also fortgesetzt, wieder auf emotionaler und nicht physischer Ebene.

Mit „What a lovely way to burn“ bringt Peggy Lee dann noch eine doppeldeutige Zeile, welche das Hauptmotiv der ambivalenten Liebe aufgreift und noch direkter auf die physische Ebene bringt, wodurch sie trotz aller Entschärfungen schließlich sehr „verrucht“ endet. Obwohl sie also wusste, dass sie vorsichtig sein muss wie explizit sie wird, hat sie es doch geschafft einen stimmigen Text zu schreiben der zwar noch Mainstream ist, aber trotzdem Wirkung hat. Dass diese durchschlagend ist liegt vor allem am…

Darstellen

In der Artikulation und Betonung des Textes kommt der erwähnte Unterschied zwischen dem „aktiven Mann“ und der „passiven Frau“ sehr stark raus. Wenn man die beiden Aufnahmen vergleicht, hört man wie Little Willie John beim Refrain das „Fever“ fast schon heult; er zeichnet das Bild eines Mannes, der umkommt, weil ihm die Gegenwart des Gegenübers so heiß macht. Peggy Lee dagegen haucht zwar nicht, ist jedoch kürzer angebunden – das hohe „Fever“ im Refrain wird nur ganz kurz gesungen, fast nach Luft schnappend; eine passive Frau, die versucht von ihren Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Gleichzeitig aber wird durch diese kurze Noten ähnlich wie bei Little Willie John dieses hohe „Fever“ nochmal betont, nur auf diskretere Art und Weise.

Das heißt jedoch nicht, dass Peggy Lee langweilig singt: durch dynamische („Fever, WHEN you kiss me„) und rhythmische („Captain Smith and – Pocahontas„) Betonungen hält sie als einziges „Melodieinstrument“ die Aufmerksamkeit des Zuhörers. Little Willie John dagegen hat eine ganze Band, auf die er sich verlassen kann, wodurch er den Text im alltäglichen Sprachduktus vortragen kann (eine Vortragsweise, die im Blues der Standard ist). Das führt dazu, dass trotz des „prüderen“ Textes Peggy Lees Version eher als „sexy“ empfunden wird: das Fieber wird durch ungewöhnliche Betonungen hochstilisiert, interessant gemacht, während es bei Little Willie John sehr direkt um die physische Anziehung zwischen zwei Menschen geht, wo weniger Platz für Fantasie bleibt.

Fazit

Alles in allem sieht man also, dass Peggy Lee die Metapher, um die das Lied aufgebaut ist, noch intensiver als das Original ausgenutzt hat – obwohl gerade diese Intensität für ihr Publikum nicht zu viel werden durfte. Ein Paradox, das mithilfe eines geschickt durchdachten, formulierten und dargestellten Text gelöst wurde und „Fever“ zu einem Lied gemacht hat, das völlig zurecht zu den meist interpretierten des Genres zählt. Nach all diesem Nachdenken und Tippen nehme ich nun ein Parkimed, hoffe dass mein körperliches Fieber ein bisschen runtergeht, und euer Fieber für gute Texte weiter steigt

Start and keep writing,

Flint

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