Conchita Wurst – was man von ihr lernen kann

© Bild: ORF/MILENKO BADZIC

Auch Nicht-Österreichern ist der Mann, der als bärtige Frau verkleidet den Eurovision Songcontest triumphal gewonnen hat, nunmehr ein Begriff. Nun, eher die Kunstfigur namens Conchita Wurst – deren Schöpfer Tom Neuwirth grenzt scharf zwischen sich und dieser „zweiten Persönlichkeit“ ab, somit will ich ihm damit folgen und Conchita weiterhin als die Frau betrachten, die sie gerne ist.

Und was für eine Frau das ist! Die letzten Tage habe ich mir im Zuge der Berichterstattung (nicht zuletzt angeregt durch einen interessanten öffentlichen Chat mit ihr) einige Gedanken gemacht – was es ist, dass die Leute dazu bewegt jenseits aller politischen Anliegen sie anzufeuern und ehrlich vom Sieg begeistert zu sein. Sogar mein Vater, der sich selbst eher im konservativen Eck sieht und persönlich vor allem klassisches Material singt, war im Vorfeld gespannt darauf, wie Conchita uns beim ESC vertreten würde. Was sind es nun also für Aspekte, die man sich von Frau Wurst abschauen sollte – abgesehen natürlich vom Bart?

 

1. Musik ist das Wichtigste

Viele tun sich schwer mit Conchita, unter anderem weil allein ihre Erscheinung bereits gesellschaftliche Normen durchrüttelt. Manche empfinden es als aufdringlich, wenn jemand schon durch das Aussehen versucht eine Botschaft zu vermitteln. Bei aller Kritik geht Frau Wurst auch keine Kompromisse ein und steht zu ihrem Aussehen. Zu einem guten Teil wegen der Ideologie, die dahinter steckt – aber vor allem, weil sie sich damit wohl fühlt. Damit entgeht sie der Falle anderer provokanter Acts, die sich auf die Diskussion um ihr Auftreten reduzieren lassen.

Man merkt auch beim Singen, dass da nicht nur eine Aktivistin auf der Bühne steht, die beweisen will, dass auch „unechte“ Frauen sexy sein können – da ist vor allem eine Sängerin, die in einer riesigen Halle etwas darbieten kann, das sie liebt und jeden Moment genießt. Das macht sie nicht nur sympathisch, sondern zum Inbegriff dessen, was ein Künstler eigentlich immer machen sollte: den Zuhörern große Emotionen vermitteln. Conchita liefert eine Performance ab, die genau darauf abzielt.

 

2. Konsequent groß denken

Zweifel ist ein natürlicher Bestandteil unseres Denkens: er lässt uns vorsichtig werden und ist, zumindest im Kern, nützlich um nicht Hals über Kopf in blöde Situationen zu schlittern. Meistens jedoch wird er über diese „erste Sicherung“ hinweg zu lange weitergetragen, so dass er einen daran hindert, größere Risiken zu nehmen. Conchita wird bereits vor ihrem bis dato größten Auftritt in Bezug ihren Lebensweg Zweifel gehabt haben: wie und wo sie sich präsentieren kann, ob sie damit hauptberuflich Geld verdienen will – Zweifel, die wir auch alle hatten und haben.

Conchita hat einen schwierigeren Weg als die meisten gewählt, geht diesen aber konsequent weiter. Sie versteckt sich zu keinem Zeitpunkt hinter verharmlosenden Späßen, sie nimmt sich und ihre Musik ernst. Das führt dazu, dass bei der Frage der Performance eine Shirley Bassey nicht einfach nachgeahmt wird – Conchita WIRD zu Shirley Bassey, weil sie jeden Zweifel an der Sache selbst fallen lässt.

 

3. Ruhe gefunden haben

Das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten überrascht hat. Ich habe interessehalber die letzten (erfolglosen) österreichischen Teilnehmer des ESC auf Wikipedia nachgelesen, einfach nur um irgendwie zu verstehen was Frau Wurst von den anderen abhebt. Die Trackshittaz waren ebenfalls ausgerissen, Nadine Beiler hat mit großer Stimme eine große Ballade gesungen – weder Bart noch James-Bond-Lied allein verschafften Conchita diesen Erfolg. Und dann ist es mir aufgegangen, welcher Aspekt sich durch die ganzen Medienauftritte von Conchita Wurst zieht: Ruhe, Selbstverständlichkeit, Gewissheit den richtigen Weg zu gehen.

Es gibt viele Künstler, welche die Musik lieben – und nicht wenige von denen sind sehr engagiert bei ihrer Karriere. Ich bin immer beeindruckt, wenn ich diese persönlich kennenlerne. Aber fast immer spürt man eine Unruhe, Unsicherheit, welche offenbar wird wenn man die Künstler in Situationen steckt, wo die Bedingungen schwierig sind. Oft reagieren sie mit Unmut, rechtfertigen sich oder tun Kritik einfach ab. Ich selbst bin da keine Ausnahme, und deshalb ist es eine so wichtige Erkenntnis für mich, mit was Conchita die Menschen letztendlich auch in ihren Bann gezogen hat: dass sie „angekommen ist“.

 

Es kann sein, dass die Verantwortlichen Conchita deshalb zum ESC geschickt haben, weil sie auf einen „Freak-Bonus“ gehofft haben. Es erfordert ein ganz starkes Selbstverständnis, dass die Sängerin, wie oben erwähnt, zu keinem Zeitpunkt ihre Teilnahme heruntergespielt hat, sondern weiter daran glaubte: das, was ich tue, ist gut, ist richtig, ich stehe dazu. Nur so kann sie auch die Menschen mit der Musik erreichen, ohne Zweifel oder Angst auf der Bühne stehen. Wenn man nicht nur an sich glaubt, sondern es auch nicht mehr nötig hat, es bei jeder Gelegenheit irgendwie beweisen zu müssen.

Das ist ein Aspekt, den ich bis jetzt nie so bewusst wahrgenommen habe, obwohl er mir jetzt bei vielen meiner Lieblingskünstler auffällt. Manchmal braucht es Zeit, bis man zu einem „Ich“ findet, das man der Öffentlichkeit vorbehaltlos zur Schau stellen kann. Manchmal muss man sich aber auch bewusst entscheiden, dass man endlich seine Sache durchziehen will, dass jede Rechtfertigung vorbei ist. Sich überwinden, für einen Weg entscheiden und die damit verbundenen Risiken voll akzeptieren.

Conchita Wurst hat das mehrmals getan und damit völlig verdient einen riesigen Erfolg errungen. Nicht nur als Sängerin beim ESC, sondern als Ikone und, zumindest für mich, Vorbild.

Start and keep writing,

Flint

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