Austropop – Überlegungen eines Außenstehenden

Ein Artikel im Profil setzt sich mit der momentanen Bewegung des „neuen Austropops“ auseinander und warnt vor übertriebenem Patriotismus und anderen Klischees, welche es zu vermeiden gelte.

Ich bin Musiker, der Songs auf Deutsch schreibt, und darüber hinaus fühle ich mich auch als Österreicher – deswegen fühle ich mich hier etwas betroffen. Insbesondere von der Frage: was kann dieser „neue Austropop“ denn jetzt genau sein, und wie solle man ihn werten? Und stellvertretend für die anderen 99% der österreichischen Künstler stelle ich auch die Frage: was bedeutet dieser Hype für mich, wenn er mich nicht unmittelbar betrifft?

Die beiden bekanntesten Namen in Verbindung zu diesem Thema sind derzeit sicherlich Wanda und Bilderbuch. Oberflächliche Gemeinsamkeiten sind klassische Rock’n’Roll Elemente wie die Stammbesetzug mit Schlagzeug, Gitarre, Bass, Gesang sowie zwei charismatische Frontmänner, welche eine Show gut tragen können. Beide singen auf Deutsch, nicht mit starken Dialekt, aber doch erkennbarem österreichischem Einschlag. Die Themen sind jedoch verschieden, bei Wanda finden sich Melancholie und Parolen (AMORE!), während Bilderbuch eher durch Sex und abstrakte Begriffe besticht.

Für den Begriff „Austropop“ ist die Sprache sicher ausschlaggebend. Was aber unterscheidet diese beiden Aufsteiger von anderen österreichischen KünstlerInnen, welche ebenfalls in ihrer Muttersprache singen?

Das kann ich natürlich nicht abschließend beantworten. Wie so oft bei solchen Phänomenen wird es eine Mischung aus Können, Glück, aber vor allem auch das Treffen des Zeitgeists sein. Ich habe in einem Kommentar gelesen, dass die beiden Bands das österreichische Lebensgefühl gut nach außen vertreten, und ich schätze da liegt ein Korn Wahrheit drinnen. Nur handelt es sich wohl um ein Lebensgefühl, das man gern hätte: man singt in lässigem Dur über den Tod, und mit pochenden Bass über Sex.

In Verbindung mit dem angesprochenen Rock’n’Roll wird österreichische Musik damit mit Begriffen assoziiert, die bisher nicht gang und gäbe waren: cool und einfach nur geil. Das heißt jetzt nicht, dass österreichische Musik diese Elemente noch nie hatte bzw. dass sich dieser Trend jetzt fortsetzen muss. Aber zum ersten Mal seit einiger Zeit scheint österreichische Musik nicht einfach nur experimentell, gedankenverloren oder anbiedernd, oberflächlich – sondern einfach nur abwechslungsreich und unterhaltsam.

Die im Artikel oben angesprochene Gefahr der Selbstidentifikation über diesen Patriotismus finde ich nicht unrelevant, vor allen wenn manche Menschen tatsächlich meinen, dass Bilderbuch und Wanda „typisch Österreich“ wären – und nicht etwa Andreas Gabalier, der rein von den Zahlen Österreich eher repräsentiert. Ich persönlich kann mit Bilderbuch noch am meisten anfangen von den drei Künstlern, aber auch nur in begrenztem Ausmaß.

Viel wichtiger als vor den Gefahren zu warnen ist es aber die Chance zu sehen. Damit kommen wir zur letzten Frage, welche auch stark mit dem Blick in die Zukunft zusammenhängt. Wird in Zukunft dreckiger Rock’n’Roll wieder am Vormarsch sein, wird sich dieser „neue Austropop“ etablieren, brechen noch dunklere Zeiten für jene KünstlerInnen an, die es bisher schon schwer hat?

Vorweg: viel dunkler kann es für die meisten nicht mehr werden. Von seinen eigenen Kreationen leben zu können schaffen nur die Wenigsten, und die auch nur, weil sie viele Kompromisse eingehen, sich den Arsch aufreißen. Meistens wird es eine andere Einnahmequelle geben, da die Musik allein nicht reicht. Wenn man nicht gerade direkt mit den beiden Bands konkurriert, dann werden einen die Entwicklungen nicht härter treffen als etwa Lady Gagas damaliger Aufstieg und die Erstarkung des House-Genres.

Hier sehe ich das wachsende Interesse an österreichischer Musik als Chance. Ich glaube nicht, dass der „neue Austropop“ stilbestimmend für die nächsten Jahre sein wird. Aber die öffentliche Wahrnehmung wurde und wird mit diesen Erfolgen angeregt. Allein die Tatsache, dass überhaupt ein eigener Genrebegriff (egal wie unkreativ er ist) verwendet wird, zeigt, dass sich hier eine österreichische Musikidentität bildet und damit Österreich als Musikland gestärkt wird.

Der Wunsch danach hat nichts mit Patriotismus zu tun, sondern vielmehr mit dem Wissen darum, dass es das geeignete Umfeld braucht, damit große Kunst aus diesem entstehen kann. Wenn die Möglichkeit als österreichische Musikerin tatsächlich gespielt zu werden nicht mehr nur Fantasievorstellung ist; wenn die Anzahl der Musiker, welche tatsächlich von der Musik leben können, so weit steigt, dass es ein realistisches Lebensmodell darstellt; und wenn schließlich die Anzahl der hellen und erfahrenen Köpfe steigt, dann ist die Chance, dass junge Nachwuchstalente davon profitieren können immens.

Das heißt nicht, dass damit alles passt. Es ist nach wie vor wichtig auf unbeachtete Genres hinzuweisen und kritisch zu hinterfragen, ob es Mechanismen in der Musikindustrie gibt, welche es Künstlern unnötig erschweren, sich weiterzuentwickeln. Doch muss man auch das Positive sehen und schließlich sogar ein bisschen daran glauben, dass es aufwärts gehen kann.

Zum Abschluss noch ein kleiner Musiktipp, ein neuer Vertreter des „alten Austropops“.

In diesem Sinne

keep writing,

Flint

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„Die sollen was Gscheits machen!“ – Qualität in Österreich

Gleich einleitend zum Blog: Ich weiß, ich schreibe momentan kaum bis gar nichts. Das liegt daran, dass ich neben dem Songwriting gerade sehr viel am Instrument arbeite, Projekte betreue und daneben noch mein Studium abschließe. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder mehr schreiben werde, jetzt gerade liegen meine Prioritäten aber woanders.

Trotz allem muss hin und wieder doch etwas raus, meistens anlassbezogen. In diesem Fall ist das ein Artikel im Standard und die dazugehörigen Kommentare. Das leidige Thema „Musik aus Österreich“ und der Umgang der öffentlich-rechtlichen Sender wird behandelt, die zunehmende Unzufriedenheit der österreichischen Musikschaffenden dargelegt. Die Kommentare darunter sind auch nicht neu: Vereinzelt Zustimmung, manchmal weiterführende Überlegungen, doch das Hauptcredo lautet: „Machts was Gscheits, dann kauf mas auch!“

Ich bin nicht nur Künstler, sondern auch ein begeisterter Freund der wissenschaftlichen Methode. Kritische Auseinandersetzung mit Themen, egal welcher Art, ist für mich Usus. Am Anfang stehen immer Fragen und derer habe ich bei der eben zitierte Aussage zuhauf: Was ist was „Gscheits“? Wie schaut der Markt für was „Gscheits“ aus? Was wäre das perfekte Geschäftsmodell des modernen Musikers? Was hindert heimische Musiker gerade daran, diese Punkte umzusetzen? Gibt es einen Nachteil, den wir etwa gegenüber US-Amerikanern haben?

Das sind alles Punkte, die eine Rolle spielen, welche aber vom durchschnittlichen Nichtmusiker nicht ohne weiteres beantwortet werden können. Das ist nur fair: Wenn ein Installateur sich beklagt, dass er so schwer Arbeit findet, dann werde ich ihm als Kunde sagen können, was ich mir erwarte. Aber ich werde ihm nicht einen Businessplan erstellen, wo ich auf jeden einzelnen Punkt eingehe. Das Publikum gibt Feedback, ob ihm die Musik gefällt oder nicht. Vielleicht noch irgendeine Begründung à la „Ist mir zu langsam“. Alles mehr ist schon ein Bonus, über den man sich als Selbstständiger freuen sollte.

Warum aber schreibe ich dann diese Kolumne, wenn diese Dinge für mich außer Streit stehen? Es gibt einen Unterschied zum angesprochenen Installateur: Der österreichische Musikschaffende steht unter dem Generalverdacht, nichts draufzuhaben. Nicht im Sinne von „Man muss halt mal zeigen, ob man was draufhat“, sondern „Klingt ganz gut, aber ist halt doch nur aus Österreich“.

Warum ist das so? Mehrere Gründe fallen einem ein. Die amerikanischen Einflüsse auf unsere Kultur, welche das Gefühl vermitteln, dass ein Künstler ein Millionenpublikum haben muss, bevor er echt als „groß“ akzeptiert werden kann. Michael Jackson, Lady Gaga, Queen, The Beatles: Sie alle haben in kleinen Clubs angefangen, keiner von denen wurde vom ersten Abend weg „entdeckt“ und waren Weltstars. Da war viel Glaube und Vertrauen von ihrer Umgebung dabei, dass sie so weit kommen würden.

Das gibt es bei uns nicht, was mich zum nächsten potentiellen Grund bringt: das „kollektive österreichische Minderwertigkeitsgefühl“ der ehemaligen Großmacht, welches den gesamten österreichischen Kulturbetrieb niederdrückt. Das schimmert immer dann durch, wenn überrascht gefragt wird „Was, der/die erfolgreiche KünstlerIn ist aus Österreich?“ Man kann nicht glauben, dass ein „so kleines Land“ wie unseres etwas Besonderes produzieren könnte. Zu einem gewissen Grad ist das sogar rational: Österreich hat weniger Geld zum Verpulvern, riesige Studios mit state-of-the-art Technik findet man, unabhängig von der Größe, eher in den USA. Eine Abwertung des kreativen Talents, des Ideenreichtums, kann damit jedoch nicht erklärt werden.

Warum auch immer dieses Vorurteil vorherrscht, es ist da. Ist der Gedanke „Naja, doch nur aus Österreich“ also vollkommen haltlos? Nein.

Ich war vor kurzem für eine Woche in London, war dort bei mehreren Singer-Songwriterevents, in erster Linie um die „Konkurrenz“ abzuchecken. Zwei Dinge fielen mir auf: zum Einen, die Musiker sind nicht wesentlich besser als bei uns. Natürlich, die englischen Lieder klingen bei Muttersprachlern in der Regel runder (aber sogar das nicht immer), doch sonst waren um keinen Deut mehr „Genies“ dabei.

Zum Zweiten, das Publikum war um einiges vielfältiger. Vergleichbare heimische Events, wo sich österreichische Künstler präsentieren, sind normalerweise nur von Freunden und Bekannten aus der jeweiligen „Szene“ besucht. In London waren verschiedenste Leute da: eine Gruppe von Freunden, die einfach nur abhängen wollte, später kam auch noch ein Businessmann im Anzug auf einen Sprung vorbei; ein Althippie schaute kurz rein und ging dann weiter. Die Leute waren sehr viel offener und die Musiker hatten ein größeres Publikum, vor dem sie sich beweisen mussten.

Ein österreichischer Musiker zu sein hat also tatsächlich einen Nachteil: Man arbeitet in erster Linie mit einem österreichischen Publikum, das nicht an einen glaubt. Sogar wenn man gut genug spielt, dass man positiv in Erinnerung bleibt, ist man doch nur eine Sternschnuppe, „halt nur aus Österreich“. Man stumpft als Musiker ab, wird nicht gefordert, weil es sowieso egal ist, was man tut. Dabei ist es ein Prozess, dass man besser wird, dass man eben eine Größe erreicht, welche dann auch von verschiedenen Medien registriert wird.

Aber das geht nicht ohne Fans, ohne Menschen, die an einen glauben. Die etwas in einem sehen, was über einen Abend hinausgeht, die einen Vertrauensvorschuss geben, weil sie wissen, dass manche Dinge Zeit brauchen. Ich bin sehr froh, dass ich Menschen gefunden habe, die das tun. Fans, die mich darin bestärken, weiter an meinen oben genannten Projekten zu arbeiten. Sie sind es, die mich besser machen, die mir die Chance geben, über mich hinaus zu wachsen. Aber sie sind die Ausnahme, das sehe ich auch oft bei anderen Künstlern, die sich trotz großartiger Performance schwer tun, einen Fanstamm zu erarbeiten.

Kommen wir also zum oben genannten Credo zurück: „Machts was Gscheits, dann kauf mas!“ Die meisten Leute, die das sagen, investieren nicht einmal die Zeit, um sich österreichische Bands auch nur anzuhören. Sie glauben, dass man dann in den Medien ist, wenn man „gut genug spielt“. Das stimmt nicht: Die Medien greifen einen Künstler erst dann auf, wenn dieser genug Fans hat. Eben jene Leute, die darauf vertrauen, dass jemand was „Gscheits“ macht und bereit sind, wenn schon nicht Geld, dann zumindest Zeit zu investieren. Alle anderen, die danach kommen, können natürlich auch Fans werden – aber dürfen sich nicht wundern, wenn „so wenig Gutes“ aus Österreich vorhanden ist.

Abschließend noch zwei Sachen: das entlässt die öffentlich-rechtlichen Sender nicht aus ihrer Verantwortung, österreichische Künstler zu unterstützen. Viel mehr geht es mir darum, dass neben der „Industrie“ und dem einzelnen Musikschaffenden auch das Publikum für den Zustand der Musiklandschaft verantwortlich ist.

Und andererseits hier noch zwei Links zu Open Stage Veranstaltungen in Wien, wo man neue großartige Musiker kennenlernen kann. Wer tatsächlich meint, dass österreichische Musiker nichts draufhaben, der möge sich die Zeit nehmen und ein-zweimal bei diesen Veranstaltungen vorbeischauen. Ich sehe dort so viel Talent, das in der heimischen Szene steckt, dass ich tatsächlich auf Argumente gespannt bin, die versuchen das zu widerlegen.

http://wwww.floorspot.org
http://wwww.cafeconcerto.at/node/18

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Flint

After the Shitstorm – was bleibt?

An anderer Stelle bin ich kurz auf eine aktuelle Diskussion eingegangen, ausgelöst durch den Teil eines Interviews mit der Ö3-Moderatorin für die Austrian Top-40, in dem sich diese abwertend über österreichische Musik geäußert hat. Ich habe bewusst ihren Namen rausgehalten, da das für mich nicht das Interessante war – im Nachhinein gesehen stand ich damit wohl recht alleine da. Angefangen mit abfälligen Bemerkungen über ihre Kompetenz als Moderatorin bis hin zu ausdrücklichen Beleidigungen ihrer Person ist der Shitstorm über sie hinweggefegt. So hat etwa der Kabarettist Thomas Stipsits in einem Video das Interview überspitzt dargestellt und impliziert, dass sie kokst (zu finden auf seiner Facebookseite). Der Sketch ist gut gemacht, aber er zeigt deutlich, dass der Großteil der Leute nur die Moderatorin als das Problem wahrgenommen hat – und nicht das, was hinter ihrer Aussage steckt.

Es gab jedoch auch andere Reaktionen, nur Stunden danach etwa eine kurze Nachstellung der erzählen Situation:

Inhaltlich mehr hergebend war der noch am selben Tag erschienene Song inklusive Video: „Lied, das wahrscheinlich ganz schlecht ist“ von „Irgendsoeine österreichische vollkommen unbekannte Band“.

Hier werden die Probleme, welche Musiker tatsächlich belasten, schon eher angesprochen. Die Frage, die indirekt gestellt wird: was ist an internationalen Songs musikalisch so viel „besser“, dass es eine solche Bevorzugung gegenüber nationalen Liedern rechtfertigt? Natürliche gibt es Elemente, die in den USA tatsächlich eine eigene Qualität haben, etwa der Sound (nicht ohne Grund sind etwa die großen Hits von Lady Gaga wie Bad Romance oder Just Dance vom selben Typen, RedOne, produziert worden).

Doch viel davon ist in meinen Augen nur geschicktes Marketing, welches nicht von Ö3 ausgeht, sondern direkt von den USA: man redet uns ein, dass dort die „echten Stars“ sind, Ö3 ist nur ein Teil der Maschinerie, genau wie viele andere Mainstreamsender in anderen Ländern. Es wird viel Geld ins Marketing gesteckt, dieses Geld muss vor allem über Konzerte reinkommen – und diese müssen auch international ausverkauft sein. Naheliegenderweise muss also jeder nationale Künstler, der einem Justin Bieber oder Robbie Williams in die Quere kommen könnte, weg – sonst hat man dieses Land als Einnahmequelle verloren.

In weiterer Folge versucht man als österreichischer Künstler, der dann halt doch mal vor tausenden Leuten spielen möchte, sich diesem Stil anzupassen. Das Problem dabei ist, dass man das Original der Kopie vorziehen wird – der „österreichische Justin Bieber“ funktioniert nur dann, wenn er Dialekt singt (da dieser Marktbereich nicht international besetzt werden kann), und ist dann auch weniger Musiker als Marke. Für manche ist das erstrebenswert (Tom Neuwirth alias Conchita Wurst etwa steht offen dazu, eine Kunstfigur zu sein), doch für jemanden, der tatsächlich als „authenthischer Musiker“ berühmt werden will, ist es ein Albtraum. Daher auch der Ratschlag, den ich von einem etablierten Labelchef gehört habe: sich niemals anpassen, das eigene Ding finden und durchziehen.

Auf diesen Aspekt geht auch folgender Song ein:

Nachdem nun einige Wochen ins Land gezogen sind, sind wir wieder im „Alltag“ angelangt. Die Moderatorin ist nach kurzem Krankenhausaufenthalt aufgrund der „Hexenverbrennung“ wieder auf den Beinen, österreichische Musiker sind in der öffentlichen Wahrnehmung nicht viel präsenter. Es sind viele kleine Geschichten, die notwendig sind, damit sich etwas ändert – sagt der Optimist in mir. Der Pessimist meint, dass es erst größere Ereignisse brauchen wird, bevor sich etwas bewegt. Der Realist schließt diesen Beitrag mit einem Schulterzucken ab und arbeitet weiter an seiner Musik.

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Flint

Conchita Wurst – was man von ihr lernen kann

© Bild: ORF/MILENKO BADZIC

Auch Nicht-Österreichern ist der Mann, der als bärtige Frau verkleidet den Eurovision Songcontest triumphal gewonnen hat, nunmehr ein Begriff. Nun, eher die Kunstfigur namens Conchita Wurst – deren Schöpfer Tom Neuwirth grenzt scharf zwischen sich und dieser „zweiten Persönlichkeit“ ab, somit will ich ihm damit folgen und Conchita weiterhin als die Frau betrachten, die sie gerne ist.

Und was für eine Frau das ist! Die letzten Tage habe ich mir im Zuge der Berichterstattung (nicht zuletzt angeregt durch einen interessanten öffentlichen Chat mit ihr) einige Gedanken gemacht – was es ist, dass die Leute dazu bewegt jenseits aller politischen Anliegen sie anzufeuern und ehrlich vom Sieg begeistert zu sein. Sogar mein Vater, der sich selbst eher im konservativen Eck sieht und persönlich vor allem klassisches Material singt, war im Vorfeld gespannt darauf, wie Conchita uns beim ESC vertreten würde. Was sind es nun also für Aspekte, die man sich von Frau Wurst abschauen sollte – abgesehen natürlich vom Bart?

 

1. Musik ist das Wichtigste

Viele tun sich schwer mit Conchita, unter anderem weil allein ihre Erscheinung bereits gesellschaftliche Normen durchrüttelt. Manche empfinden es als aufdringlich, wenn jemand schon durch das Aussehen versucht eine Botschaft zu vermitteln. Bei aller Kritik geht Frau Wurst auch keine Kompromisse ein und steht zu ihrem Aussehen. Zu einem guten Teil wegen der Ideologie, die dahinter steckt – aber vor allem, weil sie sich damit wohl fühlt. Damit entgeht sie der Falle anderer provokanter Acts, die sich auf die Diskussion um ihr Auftreten reduzieren lassen.

Man merkt auch beim Singen, dass da nicht nur eine Aktivistin auf der Bühne steht, die beweisen will, dass auch „unechte“ Frauen sexy sein können – da ist vor allem eine Sängerin, die in einer riesigen Halle etwas darbieten kann, das sie liebt und jeden Moment genießt. Das macht sie nicht nur sympathisch, sondern zum Inbegriff dessen, was ein Künstler eigentlich immer machen sollte: den Zuhörern große Emotionen vermitteln. Conchita liefert eine Performance ab, die genau darauf abzielt.

 

2. Konsequent groß denken

Zweifel ist ein natürlicher Bestandteil unseres Denkens: er lässt uns vorsichtig werden und ist, zumindest im Kern, nützlich um nicht Hals über Kopf in blöde Situationen zu schlittern. Meistens jedoch wird er über diese „erste Sicherung“ hinweg zu lange weitergetragen, so dass er einen daran hindert, größere Risiken zu nehmen. Conchita wird bereits vor ihrem bis dato größten Auftritt in Bezug ihren Lebensweg Zweifel gehabt haben: wie und wo sie sich präsentieren kann, ob sie damit hauptberuflich Geld verdienen will – Zweifel, die wir auch alle hatten und haben.

Conchita hat einen schwierigeren Weg als die meisten gewählt, geht diesen aber konsequent weiter. Sie versteckt sich zu keinem Zeitpunkt hinter verharmlosenden Späßen, sie nimmt sich und ihre Musik ernst. Das führt dazu, dass bei der Frage der Performance eine Shirley Bassey nicht einfach nachgeahmt wird – Conchita WIRD zu Shirley Bassey, weil sie jeden Zweifel an der Sache selbst fallen lässt.

 

3. Ruhe gefunden haben

Das ist der Punkt, der mich persönlich am meisten überrascht hat. Ich habe interessehalber die letzten (erfolglosen) österreichischen Teilnehmer des ESC auf Wikipedia nachgelesen, einfach nur um irgendwie zu verstehen was Frau Wurst von den anderen abhebt. Die Trackshittaz waren ebenfalls ausgerissen, Nadine Beiler hat mit großer Stimme eine große Ballade gesungen – weder Bart noch James-Bond-Lied allein verschafften Conchita diesen Erfolg. Und dann ist es mir aufgegangen, welcher Aspekt sich durch die ganzen Medienauftritte von Conchita Wurst zieht: Ruhe, Selbstverständlichkeit, Gewissheit den richtigen Weg zu gehen.

Es gibt viele Künstler, welche die Musik lieben – und nicht wenige von denen sind sehr engagiert bei ihrer Karriere. Ich bin immer beeindruckt, wenn ich diese persönlich kennenlerne. Aber fast immer spürt man eine Unruhe, Unsicherheit, welche offenbar wird wenn man die Künstler in Situationen steckt, wo die Bedingungen schwierig sind. Oft reagieren sie mit Unmut, rechtfertigen sich oder tun Kritik einfach ab. Ich selbst bin da keine Ausnahme, und deshalb ist es eine so wichtige Erkenntnis für mich, mit was Conchita die Menschen letztendlich auch in ihren Bann gezogen hat: dass sie „angekommen ist“.

 

Es kann sein, dass die Verantwortlichen Conchita deshalb zum ESC geschickt haben, weil sie auf einen „Freak-Bonus“ gehofft haben. Es erfordert ein ganz starkes Selbstverständnis, dass die Sängerin, wie oben erwähnt, zu keinem Zeitpunkt ihre Teilnahme heruntergespielt hat, sondern weiter daran glaubte: das, was ich tue, ist gut, ist richtig, ich stehe dazu. Nur so kann sie auch die Menschen mit der Musik erreichen, ohne Zweifel oder Angst auf der Bühne stehen. Wenn man nicht nur an sich glaubt, sondern es auch nicht mehr nötig hat, es bei jeder Gelegenheit irgendwie beweisen zu müssen.

Das ist ein Aspekt, den ich bis jetzt nie so bewusst wahrgenommen habe, obwohl er mir jetzt bei vielen meiner Lieblingskünstler auffällt. Manchmal braucht es Zeit, bis man zu einem „Ich“ findet, das man der Öffentlichkeit vorbehaltlos zur Schau stellen kann. Manchmal muss man sich aber auch bewusst entscheiden, dass man endlich seine Sache durchziehen will, dass jede Rechtfertigung vorbei ist. Sich überwinden, für einen Weg entscheiden und die damit verbundenen Risiken voll akzeptieren.

Conchita Wurst hat das mehrmals getan und damit völlig verdient einen riesigen Erfolg errungen. Nicht nur als Sängerin beim ESC, sondern als Ikone und, zumindest für mich, Vorbild.

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Flint

Gespielte und wahre Entrüstung

Ehrlichkeit ist ja so eine Sache. Manchmal will man es sein, und es geht einfach nicht – manchmal will man es nicht sein, und trotzdem rutscht einem etwas heraus. Und manchmal redet man einfach frei von der Leber weg, ohne überhaupt darüber nachzudenken. So ist es einer Ö3-Moderatorin ergangen, als sie ein Interview mit Okto-TV führte, welches kurz darauf für einen Sturm der Entrüstung(en) im Social Web führte.

Es ist die Art und Weise, wie dass sie das Wort „österreichische Band“ im selben Atemzug mit „unbekannt, wollen wir nicht, kann nichts“ nennt – die Geringschätzung der hiesigen Musiklandschaft ist deutlich spürbar. Ein Gefühl, welches sich auch in der Programmpolitik niederschlägt: österreichische Musiker kritisieren schon lange, dass die nationale Musikszene kaum gefördert wird. Vor einem Monat wurde von drei österreichischen Gruppen ein Zeichen gesetzt, als sie nacheinander ihre Nominierung für den Amadeus-Award ablehnten.

Selten kann man dieses Problem jedoch so eindeutig festmachen wie an der Aussage dieser Moderatorin: auch wenn sie real vielleicht kein Mitsprachrecht hat, welche Künstler gespielt werden, hat sie selbstverständlich von „uns (Ö3) geredet“, welche „solche“ Bands nicht wollen. Musiker und Nicht-Musiker teilten daraufhin den reißerisch betitelten Link, um auf den „Skandal“ aufmerksam zu machen.

Und das führte zu einer zweiten Welle der Entrüstung: nämlich jener Leute, die tatsächlich unter der aktuellen Situation leiden. Es gibt viele großartige österreichische Künstler, die ihrer Leidenschaft und ihrem Talent kaum nachgehen können, einfach weil ihnen die finanziellen Mitteln fehlen. „Als österreichischer Musiker reißt du in Österreich nichts“, eine Abwandlung des alten Sprichworts: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“.

Diese Menschen sind enttäuscht (worden), sind sehr emotional mit dem Thema involviert – und umso furioser wenn sie sehen, dass es die Worte irgendeiner blöden Ö3-Puppe sind, welche die Aufmerksamkeit erregen. Während sie selbst schon seit langer Zeit versuchen darauf aufmerksam zu machen, wie beschissen die Situation ist.

Heißt das jetzt, dass man das Video einfach als das abtun soll was es ist: eine junge Frau, die (rhetorisch unbegabt) leichtfertig einen wunden Punkt getroffen hat? In erster Linie: ja. Ich habe den Namen der Moderatorin bewusst ausgelassen, einfach weil ich sie nicht interessant oder wichtig genug finde, um ihr mehr Raum zu geben als notwendig. Für einige bringt dieses Video keinen Erkenntnisgewinn, und auch ich werde nach diesem Eintrag hier nicht mehr lang über genau diese Szene nachdenken.

Aber es gibt in meinen Augen eine weitere Ebene, die nicht unterschätzt werden darf: der Mainstream. Die Informationskultur funktioniert heutzutage nur über emotionale Botschaften. Eine sachliche Analyse des österreichischen Musikmarkts wird kaum zu den Leuten durchdringen. Aber ein knalliges Video, welche leicht zu verstehen ist, schafft mehr Bewusstsein. „Falsche Entrüstung“ gehört dazu – es drückt aus, dass man zumindest vom Kopf her bewusst wahrnimmt, dass da etwas falsch läuft.

Die Informationskultur kann die Realität ändern: wenn alle sagen, dass Katy Perry großartig singt, dann wird es irgendwann auch jeder glauben. Dieses Phänomen könnte doch auch mal so funktionieren: wenn das österreichische Facebook sagt, dass österreichische Musiker zu wenig Chancen haben, dann wird es wohl auch so sein. Katy Perry kann mithilfe dieser Botschaft ihre Musik verkaufen – vielleicht auch österreichische Musiker irgendwann wieder?

Start and keep writing,

Flint