Albumrezension: Estéban’s – Overthrown

Ich habe bereits an verschiedenen Stellen über die Musik in Österreich, vor allem deren Rezeption, reflektiert, habe sogar an euch Leser appelliert, dass man den österreichischen Musikern mehr Chancen geben sollte. Es gibt so unglaublich viele interessante Bands in Österreich, wahre Perlen direkt vor der Haustür, die es verdient haben, dass man sich näher mit ihnen auseinandersetzt.

Um das Kennenlernen dieser Bands leichter zu machen, und damit ich diesen Blog mal wieder verwende, hab ich beschlossen mich an einer Albumrezension zu versuchen. Ich will vor allem von meinem Eindruck erzählen, warum ich manche Sachen gut und andere schlecht finde, was vielleicht besser hätte werden können und wo mir einfach nur der Mund offen steht.

Unterm Strich sollt ihr Leser aber nie vergessen, dass es sich 1. immer nur um meine Meinung handelt und 2. ein Album in der Regel viel Arbeit bedeutet, die sich da einige Personen angetan haben, weswegen auch bei nicht so tollen Produkten man Respekt zollen muss, dass sie es zumindest probiert haben.

Das alles gesagt freue ich mich euch heute Estéban’s neues Album „Overthrown“ vorzustellen.

FAKTEN

Overthrown ist das dritte Studioalbum von Christoph Jarmer alias „Estéban’s“.Während seiner Zeit als Gitarrist bei „Garish“, einer österreichischen Band die bereits sechsmal für den Musikpreis „Amadeus“ nominiert war, hat er zwei Soloalben herausgebracht, nämlich „Serenity“ (2007) und „IR“ (2012). Jarmer und „Garish“ gaben im Mai dieses Jahres bekannt, dass sie nach 20 Jahren getrennte Wege gehen werden. Laut Jarmer selbst wird in „Overthrown“ diese Trennung sowie seine Rolle als frischgebackener Vater behandelt. Das Album verstehe sich als Ruhepunkt inmitten dieser turbulenten Zeiten und will mit seiner „entspannten Unaufdringlichkeit“ überzeugen.

BERUHIGENDE INTIMITÄT

Tatsächlich macht „Overthrown“ einen sehr persönlichen Eindruck. Während der Vorgänger „IR“ noch teils mit breiter Instrumentierung und viel Hall aufwartete, zeichnet sich Overthrown durch leise Arrangements aus, die Jarmers ruhiges Gitarrenspiel in der Vordergrund rücken. Daneben finden sich stellenweise Klavier, Bass, sphärische Klänge, Zweitstimme (Julia Poljak) und ein Schlagwerk wieder.

Durch diese spärliche Besetzung und die ausschließlich persönlichen Themen, die in den Liedern verarbeitet werden, entsteht eine interessante Intimität. Jarmers Stimme fügt sich grundsätzlich sehr gut in dieses auditive Setting ein, wobei ich hierzu weiter unten noch etwas schreibe. Das Album bleibt sich in dieser Intimität fast durchgehend treu und macht damit tatsächlich einen reifen, beruhigenden Eindruck auf mich.

FAST PERFEKT ZUM ENTSPANNEN

Jarmer selbst sagt, dass es vor allem auch die für die Aufnahmen verwendeten Gitarren aus Kanada, Spanien und Irland sind, welche dem Album seinen besonderen Charme verleihen. Wie schon gesagt klingen die Gitarren für mich großartig, jedoch sind es in meinen Ohren die Arrangements im Ganzen, die einen einheitlichen Sound bilden. Dieser besticht für mich zum einen mit seinem transzendenten Puls, der angenehm voran treibt, ohne zu hetzen. Verantwortlich zeigt sich hierfür Jarmers Gitarrenspiel und das Schlagwerk, welches eher als „Füllwerk“ verstanden werden darf, das sich zu keinem Zeitpunkt unangenehm aufdrängt.

Die Kompositionen selbst, also Akkorde, Melodien und Texte, können sich so von ihrer besten Seite zeigen. Hier und da gibt es überraschende Akkordwechsel, um das Interesse wach zu halten, doch im Großen und Ganzen schmiegen sich die Lieder angenehm ins Ohr. Das mag für jene, die auf „herausfordernde“ Musik stehen, langweilig werden, doch geht es in diesem Album gerade darum, sich von den Herausforderungen zu befreien. Diese Aufgabe erfüllt „Overthrown“ fast perfekt und gibt vielfach Möglichkeit, sich zu entspannen und den Alltag zu vergessen.

© Caspar Thiel

TEXTE ALS BEGLEITUNG

„Fast perfekt“ ist aber leider nicht „perfekt“, denn ein paar Elemente funktionieren dann doch nicht ganz. Während die Texte sehr ehrlich sind und nicht von der angenehmen Grundstimmung ablenken, sticht auch kaum etwas besonders positiv hervor. Es gibt teilweise gute Hooks (Set on Fire oder Hold on mit dem schönen Versprechen „’Till the birds fly higher“), doch der Rest fügt sich eher in die instrumentale Begleitung ein anstatt etwas Prägnantes zu liefern.

Angesichts der Tatsache, dass „Overthrown“ eher für den Bauch als den Kopf gedacht ist, ist das nicht so tragisch. Man könnte auch argumentieren, dass es gerade angesichts des Themas „Neuorientierung“ passend ist, wenn die Texte eher „schwach“ bleiben und, das Innenleben des Künstlers reflektierend, nur selten einen starken Punkt machen. Man kann jedoch auch in diesem „Zweifel“ interessante Wendungen nehmen, wie es etwa bei Beast („We look frightful“) passiert ist. Hier gebe es meiner Meinung nach noch Potenzial für Tiefe, das nicht genutzt wurde.

FRAGILE STIMME

Auch die Stimme geht nicht immer ganz auf. Jarmer hat eine sehr feine, fragile Stimme, die bei Tracks wie „Captured“ oder „Blame“ sehr effektvoll kommt und dabei keinen Vergleich mit Kapazundern wie José Gonzalez scheuen muss. Wenn Jarmer dagegen versucht zu erzählen, wie bei Maverick oder Portrait, geht zumindest mir etwas Substanz ab. Den geschriebenen Wörtern wohnt eine gewisse Erfahrung, „Schwere“ inne, welche durch Jarmers Stimme nicht ganz zum Ausdruck kommt.

Als Meister dessen sei etwa Johnny Cash genannt, der zum Beispiel Trent Reznor’s „Hurt“ eine neue Dimension verleihen konnte, die Reznor selbst nicht beherrschte. Das soll jedoch nicht heißen, dass Jarmer eine schlechte Stimme hätte: umgekehrt hätte Cash einem Stück wie I set on fire nicht dessen Leichtigkeit geben können. Hier hätte Jarmer noch Potenzial, bestimmte Lieder überzeugender zu interpretieren. Es sei vor allem Maverick erwähnt, welches in der Strophe stark auf das Erzählerische setzt, weswegen es auch das Stück ist, welches mich am Wenigsten berührt hat.

GERISSENER ROTER FADEN

Doch mein größtes Problem habe ich paradoxerweise mit einer der besten Nummern. Leaving Spaces, geschrieben und interpretiert von Julia Poljak, überrascht als Titel 8 mit schwermütigen Mollakkorden, der Absenz von Jarmers Stimme und neuen Sounds (Kontrabass und Kick mit viel Hall, maschinenartige Percussion) die man davor und danach auf dem Album nicht mehr zu Hören bekommt. Es fällt nicht komplett aus dem Rahmen: thematisch geht es auch in diesem Lied wieder um Veränderungen, um das Loslassen einer alten Beziehung und Jarmers Gitarrenspiel ist auch hier wieder von Anfang bis Ende bestimmend dabei. Jedoch ist der Sound, das vorherige Gefühl der Leichtigkeit nicht mehr vorhanden, und so wird mit der Sanftheit der vorherigen Stücke gebrochen.

Ich kann nicht genau sagen, was sich Jarmer hierbei gedacht hat. Möglicherweise wollte er eine weitere Facette zum Album hinzufügen, vielleicht erkannte er das Potential in Poljak und ermöglichte ihr so, ihr Talent unter Beweis zu stellen. Das hat sie auch erfolgreich getan – nur wirkt ihr Song wie ein fremder Track, der sich zwischen mich und Esteban’s ruhige Nummern geschoben hat. So fühlen sich auch die nachfolgenden Nummern Captured und Ruby Red beim ersten Durchhören etwas deplatziert an, während sie sich beim späterer Wiederholung (unter Auslassung von Leaving Spaces) wunderbar ins Gesamtbild fügen.

Beim nochmaligen Hören kommt mir eine Vermutung, was der künstlerische Grund gewesen sein mag, Leaving Spaces an dieser Stelle zu inkludieren: durch den Bruch mit der bisherigen Stimmung wird das Album interessanter und gewinnt an Tiefe, symbolisiert die bestehenden Unruhen im Künstler selbst und gibt den nachfolgenden Nummern die Möglichkeit, den Hörer wieder zu beruhigen. Wie bereits gesagt empfand ich das Album bis zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht als langweilig. Man hätte Ruby Red, welches mit wunderbaren barocken Akkordfolgen aufwartet, stattdessen verwenden können, um die Stimmung etwas „düsterer“ zu machen, ohne dabei den roten Faden zu zerreißen. Wenn Leaving Spaces unbedingt inkludiert werden musste, dann hätte ich es einfach als Bonustrack an letzter Stelle genommen, losgekoppelt vom sonstigen Erzählstrang des Albums.

IM ÜBRIGEN…

Noch kurz zum Song, der dem Album seinen Titel verleiht und das selbe auch beschließt: Overthrowns unmittelbarer Einstieg passt für mich leider nicht zu den restlichen Stücken, die sich fast ausnahmslos zärtlich entwickelt haben. Es ist schön, dass am Ende eines Albums voller Zweifel ein versöhnliches Lied steht, doch hätte man ihm meiner Meinung nach noch mehr gerecht werden können. Als Hörer wird man am Anfang des Tracks etwas überrascht, hier hätte zumindest ein paar Sekunden (eher eine halbe Minute) dem Track meiner Meinung nach gut getan.

Positiv möchte ich noch explizit Beast hervorheben, das auch mit einer Singleauskoppelung und einem Video bedacht wurde. Die fein gezupfte Gitarre, der schwebenden Synthesizer, die rückwärts abgespielten Gitarrensounds und die feine Balance zwischen Solo- und mehrstimmigen Gesang machen diese Nummer zu meinem persönlichen Favoriten und gehören zu den schönsten Sachen, die ich in den letzten Monaten gehört habe, in- und außerhalb von Österreich.

FAZIT

© Julia Grandegger

Esteban’s „Overthrown“ ist eine wunderbare Singer-Songwriter Perle, welches durch einen schwebenden Sound und zärtliche Lieder überzeugt, ohne dabei jemals fad zu werden. Ich hätte mir zwar bei manchen Stücken eine stärkere Stimme und mehr textlichen Tiefgang gewünscht, doch hat mich das nur vereinzelt davon abgehalten, mich in dieses Album fallen zu lassen. Problematischer ist die Nummer Leaving Spaces, welche das sonst in sich stimmige Album mit seinem anderen Sound zerreißt. Doch das ist der einzige wirkliche Faux-Pas für mich, ansonsten ist „Overthrown“ eine schöne Herbstplatte mit dem richtigen Anteil an Melancholie und lächelnder Leichtigkeit.

Auf meinem persönlichen Gefühlsbarometer bekommt dieses Album damit ein 7-8 von 10.

Ich hoffe ihr konntet euch einen ersten Eindruck von diesem Album machen und vielleicht konnte euer Interesse geweckt werden. Wenn ihr es schon gehört habt würde mich eure Meinung zu der Platte interessieren!

Ihr findet mich auf Facebook unter facebook.com/flintmakesmusic, ich freue mich über jedes Feedback und Vorschläge oder Hinweise, welche Alben österreichischer Künstler in nächster Zeit erscheinen oder kürzlich erschienen sind!

Keep writing,

Flint

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