„Die sollen was Gscheits machen!“ – Qualität in Österreich

Gleich einleitend zum Blog: Ich weiß, ich schreibe momentan kaum bis gar nichts. Das liegt daran, dass ich neben dem Songwriting gerade sehr viel am Instrument arbeite, Projekte betreue und daneben noch mein Studium abschließe. Ich bin mir sicher, dass ich irgendwann wieder mehr schreiben werde, jetzt gerade liegen meine Prioritäten aber woanders.

Trotz allem muss hin und wieder doch etwas raus, meistens anlassbezogen. In diesem Fall ist das ein Artikel im Standard und die dazugehörigen Kommentare. Das leidige Thema „Musik aus Österreich“ und der Umgang der öffentlich-rechtlichen Sender wird behandelt, die zunehmende Unzufriedenheit der österreichischen Musikschaffenden dargelegt. Die Kommentare darunter sind auch nicht neu: Vereinzelt Zustimmung, manchmal weiterführende Überlegungen, doch das Hauptcredo lautet: „Machts was Gscheits, dann kauf mas auch!“

Ich bin nicht nur Künstler, sondern auch ein begeisterter Freund der wissenschaftlichen Methode. Kritische Auseinandersetzung mit Themen, egal welcher Art, ist für mich Usus. Am Anfang stehen immer Fragen und derer habe ich bei der eben zitierte Aussage zuhauf: Was ist was „Gscheits“? Wie schaut der Markt für was „Gscheits“ aus? Was wäre das perfekte Geschäftsmodell des modernen Musikers? Was hindert heimische Musiker gerade daran, diese Punkte umzusetzen? Gibt es einen Nachteil, den wir etwa gegenüber US-Amerikanern haben?

Das sind alles Punkte, die eine Rolle spielen, welche aber vom durchschnittlichen Nichtmusiker nicht ohne weiteres beantwortet werden können. Das ist nur fair: Wenn ein Installateur sich beklagt, dass er so schwer Arbeit findet, dann werde ich ihm als Kunde sagen können, was ich mir erwarte. Aber ich werde ihm nicht einen Businessplan erstellen, wo ich auf jeden einzelnen Punkt eingehe. Das Publikum gibt Feedback, ob ihm die Musik gefällt oder nicht. Vielleicht noch irgendeine Begründung à la „Ist mir zu langsam“. Alles mehr ist schon ein Bonus, über den man sich als Selbstständiger freuen sollte.

Warum aber schreibe ich dann diese Kolumne, wenn diese Dinge für mich außer Streit stehen? Es gibt einen Unterschied zum angesprochenen Installateur: Der österreichische Musikschaffende steht unter dem Generalverdacht, nichts draufzuhaben. Nicht im Sinne von „Man muss halt mal zeigen, ob man was draufhat“, sondern „Klingt ganz gut, aber ist halt doch nur aus Österreich“.

Warum ist das so? Mehrere Gründe fallen einem ein. Die amerikanischen Einflüsse auf unsere Kultur, welche das Gefühl vermitteln, dass ein Künstler ein Millionenpublikum haben muss, bevor er echt als „groß“ akzeptiert werden kann. Michael Jackson, Lady Gaga, Queen, The Beatles: Sie alle haben in kleinen Clubs angefangen, keiner von denen wurde vom ersten Abend weg „entdeckt“ und waren Weltstars. Da war viel Glaube und Vertrauen von ihrer Umgebung dabei, dass sie so weit kommen würden.

Das gibt es bei uns nicht, was mich zum nächsten potentiellen Grund bringt: das „kollektive österreichische Minderwertigkeitsgefühl“ der ehemaligen Großmacht, welches den gesamten österreichischen Kulturbetrieb niederdrückt. Das schimmert immer dann durch, wenn überrascht gefragt wird „Was, der/die erfolgreiche KünstlerIn ist aus Österreich?“ Man kann nicht glauben, dass ein „so kleines Land“ wie unseres etwas Besonderes produzieren könnte. Zu einem gewissen Grad ist das sogar rational: Österreich hat weniger Geld zum Verpulvern, riesige Studios mit state-of-the-art Technik findet man, unabhängig von der Größe, eher in den USA. Eine Abwertung des kreativen Talents, des Ideenreichtums, kann damit jedoch nicht erklärt werden.

Warum auch immer dieses Vorurteil vorherrscht, es ist da. Ist der Gedanke „Naja, doch nur aus Österreich“ also vollkommen haltlos? Nein.

Ich war vor kurzem für eine Woche in London, war dort bei mehreren Singer-Songwriterevents, in erster Linie um die „Konkurrenz“ abzuchecken. Zwei Dinge fielen mir auf: zum Einen, die Musiker sind nicht wesentlich besser als bei uns. Natürlich, die englischen Lieder klingen bei Muttersprachlern in der Regel runder (aber sogar das nicht immer), doch sonst waren um keinen Deut mehr „Genies“ dabei.

Zum Zweiten, das Publikum war um einiges vielfältiger. Vergleichbare heimische Events, wo sich österreichische Künstler präsentieren, sind normalerweise nur von Freunden und Bekannten aus der jeweiligen „Szene“ besucht. In London waren verschiedenste Leute da: eine Gruppe von Freunden, die einfach nur abhängen wollte, später kam auch noch ein Businessmann im Anzug auf einen Sprung vorbei; ein Althippie schaute kurz rein und ging dann weiter. Die Leute waren sehr viel offener und die Musiker hatten ein größeres Publikum, vor dem sie sich beweisen mussten.

Ein österreichischer Musiker zu sein hat also tatsächlich einen Nachteil: Man arbeitet in erster Linie mit einem österreichischen Publikum, das nicht an einen glaubt. Sogar wenn man gut genug spielt, dass man positiv in Erinnerung bleibt, ist man doch nur eine Sternschnuppe, „halt nur aus Österreich“. Man stumpft als Musiker ab, wird nicht gefordert, weil es sowieso egal ist, was man tut. Dabei ist es ein Prozess, dass man besser wird, dass man eben eine Größe erreicht, welche dann auch von verschiedenen Medien registriert wird.

Aber das geht nicht ohne Fans, ohne Menschen, die an einen glauben. Die etwas in einem sehen, was über einen Abend hinausgeht, die einen Vertrauensvorschuss geben, weil sie wissen, dass manche Dinge Zeit brauchen. Ich bin sehr froh, dass ich Menschen gefunden habe, die das tun. Fans, die mich darin bestärken, weiter an meinen oben genannten Projekten zu arbeiten. Sie sind es, die mich besser machen, die mir die Chance geben, über mich hinaus zu wachsen. Aber sie sind die Ausnahme, das sehe ich auch oft bei anderen Künstlern, die sich trotz großartiger Performance schwer tun, einen Fanstamm zu erarbeiten.

Kommen wir also zum oben genannten Credo zurück: „Machts was Gscheits, dann kauf mas!“ Die meisten Leute, die das sagen, investieren nicht einmal die Zeit, um sich österreichische Bands auch nur anzuhören. Sie glauben, dass man dann in den Medien ist, wenn man „gut genug spielt“. Das stimmt nicht: Die Medien greifen einen Künstler erst dann auf, wenn dieser genug Fans hat. Eben jene Leute, die darauf vertrauen, dass jemand was „Gscheits“ macht und bereit sind, wenn schon nicht Geld, dann zumindest Zeit zu investieren. Alle anderen, die danach kommen, können natürlich auch Fans werden – aber dürfen sich nicht wundern, wenn „so wenig Gutes“ aus Österreich vorhanden ist.

Abschließend noch zwei Sachen: das entlässt die öffentlich-rechtlichen Sender nicht aus ihrer Verantwortung, österreichische Künstler zu unterstützen. Viel mehr geht es mir darum, dass neben der „Industrie“ und dem einzelnen Musikschaffenden auch das Publikum für den Zustand der Musiklandschaft verantwortlich ist.

Und andererseits hier noch zwei Links zu Open Stage Veranstaltungen in Wien, wo man neue großartige Musiker kennenlernen kann. Wer tatsächlich meint, dass österreichische Musiker nichts draufhaben, der möge sich die Zeit nehmen und ein-zweimal bei diesen Veranstaltungen vorbeischauen. Ich sehe dort so viel Talent, das in der heimischen Szene steckt, dass ich tatsächlich auf Argumente gespannt bin, die versuchen das zu widerlegen.

http://wwww.floorspot.org
http://wwww.cafeconcerto.at/node/18

Start and keep writing,
Flint

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