Gespielte und wahre Entrüstung

Ehrlichkeit ist ja so eine Sache. Manchmal will man es sein, und es geht einfach nicht – manchmal will man es nicht sein, und trotzdem rutscht einem etwas heraus. Und manchmal redet man einfach frei von der Leber weg, ohne überhaupt darüber nachzudenken. So ist es einer Ö3-Moderatorin ergangen, als sie ein Interview mit Okto-TV führte, welches kurz darauf für einen Sturm der Entrüstung(en) im Social Web führte.

Es ist die Art und Weise, wie dass sie das Wort „österreichische Band“ im selben Atemzug mit „unbekannt, wollen wir nicht, kann nichts“ nennt – die Geringschätzung der hiesigen Musiklandschaft ist deutlich spürbar. Ein Gefühl, welches sich auch in der Programmpolitik niederschlägt: österreichische Musiker kritisieren schon lange, dass die nationale Musikszene kaum gefördert wird. Vor einem Monat wurde von drei österreichischen Gruppen ein Zeichen gesetzt, als sie nacheinander ihre Nominierung für den Amadeus-Award ablehnten.

Selten kann man dieses Problem jedoch so eindeutig festmachen wie an der Aussage dieser Moderatorin: auch wenn sie real vielleicht kein Mitsprachrecht hat, welche Künstler gespielt werden, hat sie selbstverständlich von „uns (Ö3) geredet“, welche „solche“ Bands nicht wollen. Musiker und Nicht-Musiker teilten daraufhin den reißerisch betitelten Link, um auf den „Skandal“ aufmerksam zu machen.

Und das führte zu einer zweiten Welle der Entrüstung: nämlich jener Leute, die tatsächlich unter der aktuellen Situation leiden. Es gibt viele großartige österreichische Künstler, die ihrer Leidenschaft und ihrem Talent kaum nachgehen können, einfach weil ihnen die finanziellen Mitteln fehlen. „Als österreichischer Musiker reißt du in Österreich nichts“, eine Abwandlung des alten Sprichworts: „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land“.

Diese Menschen sind enttäuscht (worden), sind sehr emotional mit dem Thema involviert – und umso furioser wenn sie sehen, dass es die Worte irgendeiner blöden Ö3-Puppe sind, welche die Aufmerksamkeit erregen. Während sie selbst schon seit langer Zeit versuchen darauf aufmerksam zu machen, wie beschissen die Situation ist.

Heißt das jetzt, dass man das Video einfach als das abtun soll was es ist: eine junge Frau, die (rhetorisch unbegabt) leichtfertig einen wunden Punkt getroffen hat? In erster Linie: ja. Ich habe den Namen der Moderatorin bewusst ausgelassen, einfach weil ich sie nicht interessant oder wichtig genug finde, um ihr mehr Raum zu geben als notwendig. Für einige bringt dieses Video keinen Erkenntnisgewinn, und auch ich werde nach diesem Eintrag hier nicht mehr lang über genau diese Szene nachdenken.

Aber es gibt in meinen Augen eine weitere Ebene, die nicht unterschätzt werden darf: der Mainstream. Die Informationskultur funktioniert heutzutage nur über emotionale Botschaften. Eine sachliche Analyse des österreichischen Musikmarkts wird kaum zu den Leuten durchdringen. Aber ein knalliges Video, welche leicht zu verstehen ist, schafft mehr Bewusstsein. „Falsche Entrüstung“ gehört dazu – es drückt aus, dass man zumindest vom Kopf her bewusst wahrnimmt, dass da etwas falsch läuft.

Die Informationskultur kann die Realität ändern: wenn alle sagen, dass Katy Perry großartig singt, dann wird es irgendwann auch jeder glauben. Dieses Phänomen könnte doch auch mal so funktionieren: wenn das österreichische Facebook sagt, dass österreichische Musiker zu wenig Chancen haben, dann wird es wohl auch so sein. Katy Perry kann mithilfe dieser Botschaft ihre Musik verkaufen – vielleicht auch österreichische Musiker irgendwann wieder?

Start and keep writing,

Flint

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